Siebenbürgen – eine europäische Region aus Tradition

 

Siebenbürgen sei eine europäische Region, die seit Jahrhunderten an einem kulturellen Schnittpunkt liegt, Ostmitteleuropa und Südwesteuropa gewissermaßen gleichzeitig angehört, schreibt der bekannte Historiker Harald Roth in seiner „Kleinen Geschichte Siebenbürgens“. Manch einer spannt den historischen Bogen noch weiter und nennt Siebenbürgen als Schnittstelle von Morgen- und Abendland. Fakt ist, das im Laufe der Jahrhunderte zahllose Völker durch das Land zogen, unter wechselnden kulturellem Einfluss stand und bis heute mehrere Ethnien Siebenbürgen als ihre Heimat bezeichnen.

 

Geografisch gehört Siebenbürgen zum südöstlichen Europa. Seine historischen Grenzen bilden die Bergkämme der Karpaten, die das Land praktisch von allen Seiten umschließen. Der Landesname existiert in verschiedenen Formen, wobei Siebenbürgen die jüngste Bezeichnung ist und von den deutschen Kolonisten geprägt wurde. Internationale Namen leiten sich meist vom lateinischen Transilvania („hinter den Wäldern“) ab. Dasselbe meint das ungarische Erdély, von dem sich das rumänische Ardeal inspirierte.

 

Vom Dakerland zum Ungarnreich

 

Wir können die Geschichte Siebenbürgens nicht in allen Einzelheiten wiedergeben. Genannt seien aber wichtige Eckpunkte, die für das Land prägend waren. Zu Beginn der Zeitrechnung gehörte Siebenbürgen zum Reich der Daker, Überreste ihrer Burgen finden sich an vielen Orten. Am bekanntesten ist der auf der Weltkulturerbe-Liste der Unesco stehende Ort Sarmizegetusa. Nach einem 170-jährigen römischen Intermezzo beginnt eine turbulente, etwa 800 Jahre dauernde Phase, in der durchziehende Westgoten, kurzzeitig herrschende Gepiden und Awaren sowie hier siedelnde slawische Stämme ein wahrhaft buntes Völkergemisch bildeten.

 

Stabiler werden die Verhältnisse erst zu Beginn des zweiten Jahrtausends, als ungarische Stämme zur so genannten „Landnahme“ schreiten. In diesem Zuge fällt das heutige Siebenbürgen unter ungarische Herrschaft. Als eine der ersten Maßnahmen siedelten die neuen Herrscher Hilfsvölker zur Grenzsicherung an – im südlichen und zentralen Siebenbürgen waren dies die Szekler – eine der späteren drei Nationen des Landes. Mit der Ausdehnung des Herrschaftsbereiches wurden die Szekler ab Mitte des 12. Jahrhunderts weiter im Osten angesiedelt und das freiwerdende Land mit Kolonisten aus dem deutschen Reich, vorwiegend aus der Gegend von Rhein und Mosel, aber auch aus Flandern und Wallonien, besetzt. Die amtssprachliche Bezeichnung als „Saxones“ übernahmen die Siedler bald als Eigenbezeichnung – so dass wir noch heute von den Siebenbürger Sachsen sprechen.

 

Das Fürstentum in der Zeit der Osmanen

 

Nachdem im ausgehenden 14. Jahrhundert die Vorhuten der osmanischen Hilfstruppen immer öfter in Siebenbürgen einfallen, reagieren Sachsen und Szekler mit der Befestigung ihrer Städte und Kirchen. Das Königreich Ungarn zerbricht schließlich im 16. Jahrhundert unter dem türkischen Druck. Im von Osmanen unbesetzten Siebenbürgen entsteht ein selbständiges Fürstentum, das allerdings die Oberherrschaft der osmanischen „Hohen Pforte“ anerkannte. In diesem Ständestaat erfreute sich die Reformation eines überwältigen Erfolges – gegen Ende des 16. Jahrhunderts gehören gut 90 Prozent der Bevölkerung einer protestantischen Konfession an. So fortschrittlich im Glauben, so konservativ bleibt der Ständestaat, der bis Ende des 17. Jahrhunderts als eigenständiges Fürstentum bestand, während dieser Zeit jedoch im Inneren ständige Unruhen erlebte.

 

Stabilität kehrte erst unter der Herrschaft der Habsburger ein. 1688 akzeptierten Fürst und Landtag den Machtverlust an Wien. Zähigkeit bewiesen die Stände 1690, als sie sich vom katholischen Kaiser Leopold Religionsfreiheit und gewohnte Ständeverfassung garantieren ließen (Leopoldinum). Eine Reihe von Adligen in Siebenbürgen und Ungarn – zu dem Siebenbürgen ihrer Meinung immer noch gehörte – war gar nicht zufrieden mit dem Ausgleich und brach die „Kuruzzenkriege“ vom Zaun (aus ungarischer Sicht wird dies als nationaler Befreiungskampf betrachtet).

 

Siebenbürgen als Teil des Habsburgerreiches

 

Nach dem Sieg über die Kuruzzen beginnt der Wiener Hof Siebenbürgen in das Habsburger Reich zu integrieren: Wirtschaftlich bekommt das Land die Rolle eines Rohstofflieferanten, die Erhebung von Zöllen schwächte den Handel v.a. mit den östlichen Nachbarländern. Die Stationierung des Militär führte zu drastischer Mehrbelastung der Bevölkerung, der Einfluss der noch aus dem Mittelalter stammenden Rechte der Stände schwindet infolge der Modernisierung der Verwaltung und der gezielten Einsetzung Wientreuer, oft katholischer Beamter. Die teilweise noch aus dem Hochmittelalter stammenden Rechtsansprüche der Stände versuchte das Herrscherhaus Ende des 18. Jahrhunderts sukzessive aufzuheben, scheiterte jedoch vorerst am Widerstand von Adel, Szeklern und Sachsen.

 

In der Zeit des österreichisch-ungarischen Dualismus verfolgte der ungarische Staat, zu dem Siebenbürgen nun verwaltungsmäßig gehörte, eine konsequente Magyarisierungspolitik, die bei Rumänen und Sachsen eine starke Abwehrhaltung provozierte. Die Nationalisierungstendenzen eskalierten nach dem ersten Weltkrieg im Zerfall des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn. Die Rumänen stimmten 1918 für den Anschluss an Rumänien. Die Sachsen entschieden 1919 ebenso, Ungarn und Szekler orientierten sich gen Ungarn. Siebenbürgen fiel nach Friedensverhandlungen und internen Abstimmungen 1920 schließlich völkerrechtlich an das Königreich Rumänien.

 

Musterbeispiel für kulturelle Vielfalt

 

Dies blieb so bis 1940 im Zweiten Wiener Schiedsspruch Siebenbürgen geteilt und die nördliche Hälfte Ungarn zugesprochen wurde, eine Entscheidung, die die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs 1945 wieder rückgängig machten. Es folgten vier Jahrzehnte kommunistischer Herrschaft, die vor allem durch die kontinuierliche Abnahme der siebenbürgisch-sächsischen Bevölkerung  geprägt ist. Seit dem Sturz des Regimes im Dezember 1989 entwickelt sich Siebenbürgen wieder zu einer europäischen Region, die dank ihrer Eigenheiten ein Musterbeispiel für kulturelle Vielfalt innerhalb der Europäischen Union ist.