2012 – 22. Sachsentreffen in Birthälm

Ein Sachsentreffen wie bisher

Nach den Ausflügen nach Bistritz und Kronstadt kehrte das Sachsentreffen nach Birthälm zurück

Was macht eigentlich das Sachsentreffen aus? Ist es die Verleihung der Honterus-Medaille? Tut es der Tanzgruppenaufmarsch? Spielen die Konzerte, Ausstellungen, Theateraufführungen, Basar, Getue und Getümmel eine wichtige Rolle? Gewiss. Doch viel entscheidender ist, wie die Amerikaner es sagen würden, „location, location, location“. Nach zwei Jahren freiwilligen Exils kehrte das 22. Sachsentreffen nach Birthälm/Biertan, in den Schatten der alten Bischofsburg, zurück.

 

Aufmarsch der Tanzgruppen vor der Bischofsburg.

Aufmarsch der Tanzgruppen vor der Bischofsburg.

Es ist der frühe Morgen des 22. Septembers. Die Luft ist kalt, doch die Sonne lässt bereits auf einen schönen, warmen Tag schließen. Die Organisatoren sind gereizt und unausgeschlafen. Bei der Vorbereitung gab es Probleme: solche, die sich jedes Mal wiederholen, und andere, mit denen man nicht rechnen konnte. Doch bewältigt wurden sie wie üblich alle. Der große Gemeindeplatz ist noch leer, die Kirchenburg liegt still und in der Kirche selbst warten die Bänke auf die ungewöhnlich große Gottesdienstgemeinde.

 

Die Bistritzer kamen mit Blaskapelle und Tanzgruppe als erste an. Als hätten sie das Startsignal gegeben, floss nun der Strom der Teilnehmer, der Gäste, der Besucher. Die Ehrengäste wurden zum Empfang begleitet, die Normalsterblichen suchten nach Umkleidemöglichkeiten, die Handarbeitskreise stellten Tische auf und alles strömte zur Kirche hinauf. Begleitet vom Ortspfarrer Ulf Ziegler, dem Stadtpfarrer von Sächsisch-Regen/Reghin, Johann Zey, sowie dem Landeskirchenkurator Friedrich Philippi schritt Bischof Reinhart Guib zum Kircheneingang.

 

Pfarrer Johann Zey aus Sächsisch-Regen hielt die Festpredigt.

Pfarrer Johann Zey aus Sächsisch-Regen hielt die Festpredigt.

In seinem Grußwort ging Bischof Guib auf das Motto des diesjährigen Treffens ein. Auch die evangelische Kirche wende all ihre Kräfte der Gegenwart zu und setze ihre Hoffnung auf die Zukunft. Er rief die Gemeinschaft auf, sich für die Zuwanderer aus den deutschsprachigen Ländern zu öffnen, weil diese sie „mit ihrer Erfahrung bereichern“. Doch warnte er vor solchen Elementen, welche die Gemeinschaft spalten wollen und das sogar beim Sachsentreffen versuchen.

 

Nach dem Festgottesdienst begann das Kulturprogramm mit dem Auftritt der Bistritzer Blaskapelle vor der Kirche. Danach zerstreuten sich die Gäste des Treffens. Einige besuchten die Postkartenausstellung des Hermannstädter Philatelistenverbands im Schulgebäude. Die anderen eilten zur Theateraufführung in sächsischer Mundart ins Kulturhaus. Die Theatergruppe aus Augsburg ließ auf der Bühne ein beträchtliches Chaos bei der Vorbereitung zum „Urlew am Schwarzen Meer“ entstehen. Es ging lustig und in vielen Dialekten zu.

 

Zahlreiche Besucher verfolgten die Auftritte der Chöre in der Kirche.

Zahlreiche Besucher verfolgten die Auftritte der Chöre in der Kirche.

In der Kirche traten mittlerweile zahlreiche Chöre auf. Die „Sälwerfäddem“ aus Hermannstadt/Sibiu (Leitung: Rosemarie Henrich) und aus Schäßburg/Sighişoara (Leitung: Christa Rusu) schlossen sich mit dem gleichnamigen Chor aus Mediasch zusammen. Zu ihnen gesellten sich das Mediascher Männeroktett unter der Leitung von Edith Toth und das Instrumentalensemble „Canzonetta“ aus Kronstadt/Braşov, das von Ingeborg Acker geleitet wird. Das Programm bestand aus sächsischen Liedern, die den meisten Zuhörern wohlbekannt waren. Verabschiedet haben sich die Chöre mit dem „Medchen mät de Kirschenugen“. Der hundertköpfige Besuch aus Deutschland setzte das Konzert fort. Das Jugendorchester (Akkordeon-Big-Band) aus Saalfeld sowie der Chor „Maxhütte“ und der Chor des Bundes der Vertriebenen stellten ihr Programm vor.

 

Um 14 Uhr aber versammelte sich eine Menschenmenge am Hauptplatz. Den Auftritt der zahlreichen Tanzgruppen wollte sich keiner entgehen lassen. Die Tänzerinnen und Tänzer kamen aus Schäßburg, Hermannstadt, Neumarkt/Târgu Mureş, Mühlbach/Sebeş, Sächsisch-Regen, Kronstadt, Zeiden/Codlea und Bistritz. Die Zuschauer waren so sehr am Aufmarsch interessiert, dass sie kaum Platz für die Tänzer ließen. Zu den Klängen der Bistritzer Blaskapelle schnitt sich der schier unendliche Tänzerzug durch die Publikumsreihen. Nachdem jede Tanzgruppe einen Tanz präsentiert hatte, versuchten sich alle in der gemeinsamen Zigeunerpolka. Da gab es plötzlich Ungereimtheiten und Missverständnisse. Doch man nahm diese gelassen und mit Humor hin.

 

Der Auftritt der siebenbürgisch-sächsischen Tanzgruppen ist jedes Jahr einer der beliebtesten Programmpunkte beim Sachsentreffen.

Der Auftritt der siebenbürgisch-sächsischen Tanzgruppen ist jedes Jahr einer der beliebtesten Programmpunkte beim Sachsentreffen.

Wer nicht zu der offiziellen Veranstaltung im Kulturhaus gehen wollte, suchte sich einen Platz in den Zelten im äußeren Verteidigungsring der Kirchenburg. Bei Essen und Getränk wurde viel geredet oder ein eigenes Kulturprogramm gestaltet. Zwei Akkordeonspieler ließen es sich nicht nehmen, mehrere Lieder im engen Freundeskreis anzustimmen.

 

So ging auch das diesjährige Sachsentreffen zu Ende. Die Burg leerte sich, am Hauptplatz genossen die Einheimischen die warme Abendluft und die Großraumbusse mit den Treffensteilnehmern verließen Birthälm in Richtung Heimatstädte. Hoffentlich bis zum nächsten Mal.

 

Von Andrey Kolobov, erschienen am 25. September 2012 in der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien

 

„Wo wir wegschauen, sieht sie hin“

Siebenbürgenforum verlieh Honterus-Medaille an Ortrun Rhein

 

Das Wirken und Schaffen der Frauen stand im Mittelpunkt der Festveranstaltung des 22. Sachsentreffens. Die Festrede hielt Gerhild Rudolf über die siebenbürgisch-sächsischen Frauenbewegungen. Höhepunkt des Nachmittags war die Verleihung der Honterus-Medaille an Ortrun Rhein.

 

Dr. Christoph Bergner, Aussiedlerbeauftragter und Staatssekretär im Bundesinnenministerium, übermittelte die Grüße der deutschen Regierung.

Dr. Christoph Bergner, Aussiedlerbeauftragter und Staatssekretär im Bundesinnenministerium, übermittelte die Grüße der deutschen Regierung.

Zuvor aber sprachen die Ehrengäste – die in diesem Jahr zahlreich nach Birthälm gekommen waren. Eigens aus Deutschland angereist war Dr. Christoph Bergner, der Aussiedlerbeauftragte der Bundesregierung, die Botschafter Österreichs und Deutschlands, Dr. Martin Schwarzinger und Andreas von Mettenheim kamen aus Bukarest ebenso wie Christiane Cosmatu, die Unterstaatssekretärin im Departement für Interethnische Beziehungen. Der Vorsitzende des Forums der Deutschen in Rumänien, Klaus Johannis, nahm am Treffen teil, und Ovidiu Sitterli, der Präfekt des Kreises Hermannstadt/Sibiu. Die Siebenbürger Sachsen in Deutschland vertraten Jochen Krämer, der Vorsitzende des Sozialwerks der Siebenbürger Sachsen, und Volker Petri jene in Österreich.

 

Klaus Johannis, Vorsitzender des Landesforums, würdigte die Rolle der Frauen innernhalb des Forums.

Klaus Johannis, Vorsitzender des Landesforums, würdigte die Rolle der Frauen innernhalb des Forums.

„Wir wollen unseren Frauen, die unermüdlich in Familie, Beruf und Gesellschaft tätig sind, ein Dankeschön aussprechen und ein symbolisches Denkmal setzen“, sagte eingangs Dr. Paul-Jürgen Porr, der Vorsitzende des Siebenbürgenforums. Der Vorsitzende des Landesforums, Klaus Johannis, ergänzte, dass im Forum mindestens ebenso viele Frauen wie Männer tätig seien, davon eine große Zahl in leitender Position, was er auf die „demokratische Tradition der Gemeinschaft zurückführte“.

 

Die seit März dieses Jahres amtierende Leiterin des Hermannstädter Kultur- und Begegnungszentrums „Friedrich Teutsch“, Gerhild Rudolf, berichtete in ihrem Festvortrag von den „beachtlichen Leistungen“ der siebenbürgisch-sächsischen Frauenvereine im 20. Jahrhundert. „Alles, was heute in der Frauenarbeit geleistet wird, hat seinen Ursprung in diesen Wurzeln“, so Rudolf. Die Schwerpunkte der heute der evangelischen Kirche angegliederten Frauenarbeit seien die Erwachsenenbildung und die Schaffung von Begegnungserlebnissen.

 

Die diesjährige Festrede hielt Gerhild Rudolf, die Leiterin des Hermannstädter Kultur- und Begegnungszentrums "Friedrich Teutsch".

Die diesjährige Festrede hielt Gerhild Rudolf, die Leiterin des Hermannstädter Kultur- und Begegnungszentrums "Friedrich Teutsch".

Das diesjährige Motto des Sachsentreffens „Der Gegenwart alle Kräfte, der Zukunft unsere Hoffnung“ verkörpert wohl kaum jemand so glaubwürdig wie Ortrun Rhein, der Porr die Honterus-Medaille überreichte. Rhein leitet seit 1999 das Hermannstädter Altenheim „Carl Wolff“ sowie das Hermannstädter Hospiz und sie ist Geschäftsführerin des Carl-Wolff-Vereins der evangelischen Kirche A.B. in Rumänien. „Der Vorstand des Siebenbürgenforums um Paul Jürgen Porr hat eine ungewöhnliche und mutige Frau auserkoren, eine Person mit Ecken und Kanten“, lobte Laudatorin Ursula Philippi.

 

Ortrun Rhein erhielt von Dr. Paul-Jürgen Porr die Honterus-Medaille für ihre Verdienste im sozialen Bereich.

Ortrun Rhein erhielt von Dr. Paul-Jürgen Porr die Honterus-Medaille für ihre Verdienste im sozialen Bereich.

Die gebürtige Kronstädterin Rhein wuchs in Rosenau/Râşnov auf, lernte am Pädagogischen Lyzeum in Hermannstadt und studierte dort später Theologie. Aufgeben komme nicht in Frage, so Philippi. Rhein setzte sich gegen ihre Kritiker durch, die der jungen Frau die Leitung des Altenheimes nicht zutrauten. Dass sie dies kann hat sie bewiesen, und noch mehr noch: „Wo wir wegschauen, sieht sie hin“, betonte Philippi. Ortrun Rhein sei fröhlich und natürlich trotz der täglichen Konfrontation mit menschlichem Leid, Niedertracht und menschlicher Unfähigkeit. Sie opfere Urlaub, Freizeit, Schlaf und manchmal auch Freunde, um die mit dem Altenheim und seiner Bewohner verbundenen Probleme zu lösen. „Durch ihren Umgang mit Behörden, Ämtern und medizinischen Institutionen zeigt uns Ortrun Rhein, dass der gerade Weg möglich ist – selbst in unserem Land mit seinen Problemen im Gesundheitswesen und im Sozialbereich.“

 

Auch von anderer Seite kam Wertschätzung. Dr. Christoph Bergner sprach Rhein neben seinem persönlichen Dank auch den des Bundesinnenministeriums aus. „Ortrun Rhein war ein großartiger, ein wichtiger, ein verlässlicher und ein immer bereiter Partner in unserer Zusammenarbeit“, sagte Bergner. Botschafter von Mettenheim erinnerte daran, dass Rhein von ihm 2009 das Bundesverdienstkreuz überreicht bekam.

 

Die Geehrte bedankte sich auf Ihre Weise. „Diese Auszeichnung gilt der sozialen Arbeit, die möglich ist, weil zum Glück sehr viele mittun. Im Altenheim, im Hospiz, in anderen Einrichtungen, wo Menschen im Mittelpunkt stehen, die auf Hilfe angewiesen sind.“ Sie wünsche sich, dass man trotz Schwierigkeiten und Unsicherheiten, Hoffnung und Phantasie nicht verliere, um hilfsbedürftigen Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen.

 

Von Holger Wermke, erschienen am 25. September 2012 in der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien

 

Sich entfalten und Gemeinschaft gestalten.

Siebenbürgische Frauenbewegungen

Festvortrag von Gerhild Rudolf

Sehr verehrte Anwesende,

 

Zuerst danke ich dem Siebenbürgenforum für die Einladung, heute, zum 22. Sachsentreffen hier in Birthälm die Festrede zu halten. Ich begrüße die geehrten Anwesenden, die Vertreterinnen und Vertreter des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien, der Partnerorganisationen und Vereine, die Empfängerin der diesjährigen Honterus-Medaille, Frau Ortrun Rhein, und alle Gäste von nah und fern. Mein besonderer Gruß und Dank für das Erscheinen gilt den hohen Würdenträgern aus der Bundesrepublik Deutschland, der Rep. Österreich und aus Rumänien – wir durften zuvor ihre Grußworte hören – sowie unserem hochwürdigen Herrn Bischof und den Mitgliedern des Landeskonsistoriums.

 

Beim Thema „Frauen“ denken wir gleich an Feminismus. Wie sieht es damit bei uns aus? „Wir brauchen keinen Second-Hand-Feminismus!“ stellten sächsische Frauen fest. Anlass und Datum dieses Zitats verrate ich Ihnen etwas später. In der heutigen Festrede zum Thema siebenbürgische Frauenbewegungen werde ich Blicke in die entferntere und in die nähere Vergangenheit werfen. Nicht umfassend, sondern zusammenfassend, indem ich fünf Zeitabschnitte feststelle.

Eine Einschränkung nenne ich gleich zu Beginn: Es handelt sich in meinem Vortrag um siebenbürgisch-sächsische, siebenbürgisch-deutsche Frauen. In Siebenbürgen leben und wirken bekanntlich auch andere Nationalitäten. Deren Frauenbewegungen (zu denen es viele Parallelen gibt) kennen wir noch weniger als die eigene.

 

Die zweite Einschränkung: Im Blickfeld stehen die hier – in Siebenbürgen – wirkenden Sächsinnen. Den Vielen, die heute ihren Lebensschwerpunkt in Deutschland haben, sei aber auch gedankt, dass sie sich für die Gemeinschaft engagieren. Wir stellen fest, dass die Verbindung zwischen den Sachsen in Deutschland und jenen hier von immer weniger Konflikten, dafür von immer mehr Kooperation geprägt ist. Dazu tragen die Frauen fleißig bei. Nun folgt ein Blick in die Vergangenheit:

 

I. Berechtigte Forderungen und beeindruckende Leistungen – Vor 100 Jahren

 

Das war eine spannende Zeit! Vor hundert Jahren –1912 also – war das gesellschaftliche Leben in Siebenbürgen durch eine Frage in Wallung geraten: Sollten Frauen bei den politischen Wahlen auch stimmberechtigt sein? Die Vereinigung Frauenfortschritt und ihr Leitungskomitee (emanzipierte Frauen wie Erika Schuller, Selma Neugeboren, u.a.) hatten zielstrebig eine Unterschriftenaktion für das Frauenwahlrecht gestartet. Das rief bei etlichen Herren Abwehr und Empörung hervor; sie verfassten Artikel dagegen, die im Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatt und in den Kirchlichen Blättern zu lesen waren (z.B. von Dr. Adolf Schullerus, Dr. Karl Hoch, August Schuster). Die Frauenrechtlerinnen (wie Magdalena Ivanovici) antworteten schlagfertig und mit guten Argumenten. Auch nüchtern denkende, fortschrittliche Männer (wie Dr. Joseph Bacon und Architekt Friedrich Balthes) griffen zur Feder. Dieser aufschlussreiche Diskurs ist in einer Artikelsammlung von 1913 dokumentiert: „Für und wider die sächsische Frauenrechtsbewegung“, herausgegeben von der Vereinigung Frauenfortschritt (Eine Artikelserie. Hermannstadt, 1913.).

 

Stadtpfarrer Dr. Adolf Schullerus hatte sich zur Unterschriftenaktion verunglimpfend geäußert: „Haben wir wirklich not, in diesen ernsten, schicksalsschweren Zeiten ein solches Scherzspiel zu beginnen?“ (S. 15). Magdalene Ivanovici weist das mit Entschiedenheit zurück: „Ein ‚Scherz‘ soll unsere Bewegung sein? O nein, es ist uns bitter ernst, und nicht um ‚Spiel‘ sondern um strenge, unermüdliche Arbeit ist es uns zu tun“ (S. 18).

 

Lotte Binder – sie leitete damals die Arbeitsgemeinschaft für Frauenfragen in Mediasch, später war sie Vorsitzende des Freien Sächsischen Frauenbundes – bemerkte sehr treffend (a.a.O, S. 31-32): Höflichkeit ist nicht die beste Basis der Zusammenarbeit, sondern Sachlichkeit ist gefragt. Und Grete Teutsch kritisiert in ihrem offenen Brief in den Karpathen (a.a.O. S. 69): „Was nützen uns leere Worte wie ‚Ehret die Frauen!‘ – wenn wir nichts von Achtung und Hochschätzung empfinden, sobald es sich um Frauenart und Fraueneinfluss, um Förderung von Frauenbildung und Schutz von Frauenrechten handelt.“ Sie rät den Sachsen: „Es wird gut sein für unsere Männer, sich mit dem unaufhaltsamen Fortschreiten der Frauen zu befreunden.“ (!)

 

Übrigens: Die Unterschriftenaktion hatte ein gutes Echo, die meisten „Unterfertigungen“ kamen aus Schäßburg. Die Organisatorinnen richteten ihr Ansuchen samt Unterschriften an die sächsischen Abgeordneten im ungarischen Parlament, wonach der Abgeordnete Emil Neugeboren die Petition dem Präsidenten des kön.-ung. Reichstages, Grafen v. Tißa, überreichte. (a.a.O. S. 77)

Ein eingeschränktes Frauenwahlrecht wurde 1921 eingeführt (unterschiedliche Quellen geben unterschiedliche Jahre an!), das gleichberechtigte Wahlrecht galt ab 1946.

 

Liebe Frauen! Liebe Männer! Die vorhin besprochene Vereinigung Frauenfortschritt war nicht die einzige Plattform der Frauen. Nachdem es mehrere örtliche Frauenvereine bereits Mitte des 19. Jahrhundert gegeben hatte, wurde 1884 der Allgemeine Frauenverein der evangelischen Landeskirche A.B. in Siebenbürgen gegründet, der zu einem flächendeckenden, wirksamen sozialen Netz heranwuchs. Nahezu 250 Ortsvereine hatten sich die Statuten zu Eigen gemacht.

Bischof Georg Daniel Teutsch sagte 1884 in seiner Festrede in der Gründungsversammlung des allgemeinen Frauenvereins, dieser solle (Zitat:) eine „Einigung unserer Frauenwelt zu edelster Kulturarbeit auf dem Felde evangelischer Liebestätigkeit sein“ (Zitiert in der Festschrift anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Allgem. Frauenvereins der evang. Landeskirche A.B. in Rumänien, 1934). Es erstaunt mich, wie erhaben – um nicht zu sagen blumig – diese Redeweise ist: die Frauen werden „unsere Frauenwelt“ genannt, ihr Einsatz für Bildung und Entfaltung „edelste Kulturarbeit“ und die Diakonie „evangelische Liebestätigkeit“. Einesteils schmeichelhaft – anderenteils auch verschleiernd. Gerade in Festreden wird viel gerühmt und geschönt.

 

Heute wollen wir weder huldigen noch Denkmäler setzen, sondern wertschätzen, was die vorangegangenen Generationen geleistet haben. („Der Vergangenheit Ehrfurcht“) Deshalb gefallen mir die Jahresberichte des Frauenvereins in ihrer Sachlichkeit sehr gut. Die Leistungen waren überaus beachtlich! (Waisenhäuser, Krankenschwesterschulen usw.) Auch die Tatsache, dass die Arbeit dokumentiert wurde, ist sehr wichtig. Das hat im Laufe der Zeit nachgelassen und ist für die Erforschung der Frauenarbeit nach 1945 ein Problem. Es gibt immer wieder kleinere Aufsätze (z.B. in Gedenkjahren), in denen Geschichte anhand von Lebensläufen sichtbar wird, aber eine Geschichte der sächsischen Frauenvereine und -bewegungen steht noch aus. Erfreulicherweise soll nächstes Jahr (2013) eine wissenschaftliche Arbeit zum Thema Frauenbund erscheinen, an der die Historikerin Ingrid Gabel-Schiel schreibt.

 

Die Ziele des Allgemeinen Frauenvereins der ev. Landeskirche waren laut Satzung, die 1886 von der Landeskirchenversammlung genehmigt wurde und 60 Jahre lang gültig war, (wobei sich nur die Bezeichnung der Kirche im Laufe der Geschichte je nach Landesgrenze änderte sowie der Stempel des zuständigen Gerichts, das den Verein anerkannte): Zweck des Vereins ist, innerhalb der ev. Landeskirche A.B. in Siebenbürgen die Aufgaben der evangelischen Kirche überhaupt zu fördern. a) Unterricht und Erziehung für Mädchen (mitinbegriffen Schulen mit gemischten Geschlechtern);b) Armenpflege im weitesten Sinne (+ Bewahranstalt, Waisenhaus, Kindergarten u.a.); c) Heranbildung evangelischer Krankenschwestern; d) Unterstützung armer, befähigter ev. Mädchen und Frauen zum Besuch von Fachschulen; e) Ausschmücken von ev. Kirchen und Friedhöfen (Quelle: Satzungen des allgemeinen Frauenvereins der ev. Landeskirche A.B. in Siebenbürgen, Honterus-Buchruckerei Hermannstadt 1924, Doppelblatt, im Zentralarchiv der EKR.).

 

Wie wir sehen, steht Friedhofspflege und Kirchenschmuck (wie etwa Sticken von Altardecken) an letzter Stelle. Das Wichtigste waren Bildung und Befähigung der Mädchen und Frauen und sodann (und auch dadurch) die soziale Absicherung der Jüngsten. Die Ortsvereine durften selbst Schwerpunkte setzen. Nicht zu vergessen: jede Frau, die Mitglied im Verein war, zahlte einen jährlichen Mitgliedsbeitrag und der Ortsverein lieferte 10% seiner Einnahmen an den Hauptverein ab, der dadurch überregionale Projekte (Waisenhaus, Fortbildungskurse) finanzierte. Ideenreiche Aktionen zur Mittelbeschaffung (heute: Fundraising) brachten den Ortsvereinen weitere Einkünfte. Damit konnte z.B. eine „Kochlehrerin“ ins Dorf geholt werden oder ein Mädchen in der „Dienstbotenschule“ lernen. – Das heißt heutzutage Qualifizierung in „Ernährungs- und Versorgungs-Management“ – und ist nach wie vor lebensnotwendig. Die menschlich so wichtige Versorgungsarbeit wird zu wenig wertgeschätzt.

 

Die siebenbürgisch-sächsische Gesellschaft war lange stark androzentrisch, also männerzentriert: Die Öffentlichkeit gehört demnach dem Mann, während das Haus und die Familie Bereiche der Frau sind. Ihre Rolle ist die des schmückenden und vor allem helfenden Beiwerks. Vor hundert Jahren war sich Dr. Karl Hoch aus Schäßburg sicher: „Das öffentliche Leben hat eben männliche Züge zu tragen.“ Seine Begründung (Zitat): „Der Kampf, der mit dem politischen Leben unausweichlich verbunden bleibt und der an den starken Nerven des männlichen Geschlechts abprallt, ist für das weibliche Nervensystem eine zu starke Belastungsprobe.“ (In: „Für und wider die sächsische Frauenrechtsbewegung“ a.a.O, S. 27.). Glauben Sie das?

 

Politisch engagierte Frauen vereinigten sich im Frauenbund. Dieser machte zwischen 1910 und 1914 als „Deutsch-sächsischer Frauenbund“ seine Anfänge. Daraus entwickelte sich die „Freie sächsische Frauenvereinigung“ und schließlich, 1921, der „Freie sächsische Frauenbund“, der später „Deutsch-sächsischer Frauenbund“ hieß. Das Archiv des Frauenbundes ist nicht erhalten geblieben. Das ist für uns ein großer Verlust. Vorsitzende waren: Ida Servatius (bis 1923), Adele Zay (bis 1925), Lotte Binder (bis 1930), Amalie Musotter (bis 1937). Aufschlussreich ist das „Frauenblatt“ des Frauenbundes, das von 1923 bis 1940 als monatliche Beilage im Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatt erschien (Quelle Karpaten-Rundschau Nr. 14., 6. April 1979).

 

Der Frauenbund widmete sich politischen und sozialen Fragen und hielt Verbindung zur Frauenbewegung in Deutschland. Zum Beispiel wurde auch die in Dresden lebende, aus Schäßburg gebürtige, prominente Frauenrechtlerin Marie Stritt (1855-1928) zu Vorträgen eingeladen. Bereits ihre Mutter, Therese Bacon, hatte sich in Schäßburg für die Frauen durch den Verein für Frauenbildung starkgemacht. Marie Stritt bekleidete in Deutschland und international wichtige frauenpolitische Ämter: sie war Vorsitzende des Bundes Deutscher Frauenvereine und des Weltbundes für Frauenstimmrecht. Es ist sicher richtig anzunehmen, dass der sächsische Frauenbund durch solche Kontakte ganz auf der Höhe seiner Zeit war. In ihren Vereinen haben diese unsere Vorgängerinnen enorm viel geleistet. Nach diesem ersten, ausführlicheren Teil folgen nun vier kürzere Abschnitte.

 

II. Dunkle Zeiten – Vor 70 Jahren

 

Damals, in den 30-er Jahren, rückt die Besinnung auf das Deutschtum immer expliziter in den Mittelpunkt und die „Frau im Volk“ wird zu einer wichtigen Figur hochstilisiert. Zitat: „Gäbe es eine schönere Aufgabe der deutschen Frau als die Kraft des deutschen Volkes zu bewahren? Diesem Ziel müssen sich letztlich auch alle Aufgaben unserer evangelischen Frauenvereine unterordnen.“ – heißt es 1936. (Im Jahresbericht des allgemeinen Frauenvereins der ev. Landeskirche in Rumänien1934-1935, vorgelegt in Mediasch am 7. Juni 1936 von Pfr. Karl Reinerth aus Hermannstadt.) Wir erinnern uns an die Satzung des Frauenvereins, wo die Prioritäten anders formuliert gewesen waren: Bildung und Fürsorge! Nun aber sollten die Frauen vornehmlich völkische Gesinnung und Eigenart kultivieren.

 

Das Ergebnis: Der Frauenverein der Kirche ging unter. Bereits durch die Deutsche Volksgruppe wurde er vereinnahmt, umgeformt und ideologisch mehr oder weniger gleichgeschaltet im „Frauenwerk“ (ab November 1940). Die politischen Gruppierungen spannten die sächsischen Frauen systematisch in ihre Vorhaben ein („Verein für Mutterschutz“, Einrichtung der Deutschen Volkspartei in Rumänien; „Verein für Mutterdienst“ in der Volksgemeinschaft der Deutschen in Rumänien; sowie „Frauenvolksdienst“ der Nationalsozialistischen Erneuerungsbewegung der Deutschen in Rumänien). (Informationen hierzu von Ingrid Schiel).

 

Es kam der Zusammenbruch: Flucht der Nordsiebenbürger, Deportation der jungen sächsischen Männer und Frauen in die Sowjetunion, Enteignung der Unternehmen und der kirchlichen sozial-diakonischen Einrichtungen, Evakuierung, Einquartierungen, Kollektivierung, Proletarisierung, Unterbindung jeglichen Vereinswesens. Aus! Ende!

 

Nach ’45 kamen karge, entbehrungsreiche Jahre. Die Frauen, falls nicht deportiert, mussten zu Hause unter schwierigen Bedingungen ums Überleben kämpfen. Viele Familien waren auf Dauer zerrissen. Trotzdem machte sich eine gemeinschaftliche Tätigkeit bemerkbar. In den Gemeinden bereiteten die Frauen Christbescherungen für die bedürftigsten Kinder. Die Pfarrfrau, die Frä Motter, machte Kranken- und Wöchnerinnenbesuche und hielt mit den Mädchen Sing- und Nähstunden. Diese Generation von Pfarrfrauen, die ihr Ehrenamt nicht nur als Ehre, sondern auch als Amt ansah, hat Vorbildliches geleistet. (Die jetzigen Pfarrfrauen schätze ich auch. Sie sind selbstbewusste, berufstätige Frauen. Sie verzichten häufig auf Freizeit und bringen sich in Bereiche der Gemeindearbeit ein, die ihren Gaben und ihrem Zeit-Management entsprechen, und sie ermutigen andere Frauen in der Gemeinde, ebenfalls ihre Fähigkeiten einzubringen, denn jede ist gefragt.)

 

Liebe Anwesende! Lange haben Frauen um Bildung gekämpft. Immer haben sie Hand angelegt, wo Not war. In der Zeit der kommunistischen Diktatur gab es sehr viele Einschränkungen der Handlungsmöglichkeiten. Dennoch entstand auch Neues.

 

III. Den Kopf wieder heben – Vor 40 Jahren

 

Damals lebten wir eingesperrt, gedeckelt und grob manipuliert in einem kommunistischen Land. Das Vereinswesen gab es nur unter strengen Auflagen und in „harmlosen“ Bereichen. Gesellschaftspolitische oder sozial-diakonische Vereine waren verboten. Die Kirche führte ein Nischendasein. Dadurch war sie ein willkommener Kontrast zur unfreien und verstaatlichten Welt.

Für die Kirchenfrauen begann vor 40 Jahren gerade in dieser Nische etwas Neues. Maria Klein, Frau von Bischof Albert Klein, brachte von einem Besuch bei der evangelischen Frauenarbeit in Deutschland eine Gebetsordnung für den Weltgebetstag mit.

 

Ab 1971 wurde in jedem Jahr der Weltgebetstag gefeiert, erst in kleinem Kreis in Hermannstadt und in anderen Orten, im Gemeindesaal oder zunehmend in der Kirche. Dr. Maria Klein lud die Pfarrfrauen jährlich zu sich ein, den Weltgebetstag kennenzulernen und ihn dann mit den Frauen in den Gemeinden zu gestalten. Ihre Arbeit wurde von einigen Frauen besonders unterstützt und von Helga Pitters weitergeführt. Helga Pitters (Lehrerin, Pfarrfrau, Mutter, Redakteurin, Professorengattin, Ökumenikerin, Großmutter, Nähkreisleiterin, Altenbetreuerin, Gärtnerin, Chorsängerin, Erwachsenenbildnerin) wirkte für den Weltgebetstag unermüdlich, unauffällig (durch souveräne laterale Führung) und sehr erfolgreich. Stellvertretend auch für andere Frauen, die sich beispielhaft für die Gemeinschaft einsetzen, möchte ich ihr heute dafür ausdrücklich danken.(!)

 

Was ist denn an diesem „Weltgebetstag der Frauen“ dran? Ich will die Männer nicht zu sehr langweilen! Erika Schuller – Leiterin des Kinderschutzvereins und eine überaus tatkräftige Frau – stellte schon vor 100 Jahren nüchtern fest, dass es Bereiche gibt, für die sich Männer nicht erwärmen, im Gegenteil: man „kann es ihnen deutlich ansehen, wie sie innerlich gähnen.“ (In „Für und wider die sächsische Frauenrechtsbewegung“ a.a.O, S. 9.) Das möchte ich Ihnen mit dieser Festrede nicht antun. Warum ich trotzdem von dieser „Frauensache“ rede? Der Weltgebetstag ist Anlass zu vielen neuen Aufbrüchen geworden. Erst schüchtern, dann immer sicherer. Der springende Punkt beim Weltgebetstag ist, meiner Meinung nach, der: Vieles, was heute in der Frauenarbeit geschieht, hat seine Wurzeln in diesen Anfängen. War der soziale Aspekt der Frauenarbeit immer schon ihr Attribut, so brachte die Weltgebetstags-Arbeit einen neuen, spirituellen Aspekt hinein: Frauen informieren sich, sie bereiten den Gottesdienst selbst vor, sie gestalten ihn, sie trauen sich, sie treten auf und tun den Mund auf, sie spüren und entfalten ihre Kompetenzen. Der Weltgebetstag – ein Lernort für eigene Kompetenzen und ein Fenster zur Welt, eine Sensibilisierung für Probleme der Frauen in anderen Ländern. Es folgt wieder ein großer Einschnitt im Leben unserer Gemeinschaft:

 

IV. Organisieren und Institutionalisieren unter Diaspora-Bedingungen – Vor 20 Jahren

 

Der Fall des Eisernen Vorhangs war zugleich das Öffnen einer Schleuse für den Strudel des Exodus. Unsere Aufgabe war plötzlich: das Verkraften der Auswanderung. Ist das eine Tätigkeit? Ja. Die ersten Jahre (etwa 1990-1992) zu bestehen, war kein passives Geschehen. Es musste gehandelt werden. An vielen Ecken und Enden mussten neue Lösungen für neue Probleme gefunden werden. Dabei waren viele Menschen selbst zerrissen von der Frage „Gehen oder Bleiben“, und trauerten über die verlorene Familie, die Nachbarn, die Freunde. Es fehlten Lehrerinnen, Kuratoren, Pfarrer. Immer weniger Menschen hatten immer mehr zu tun, und hätten dabei selbst Trost gebraucht. Ich bin auch heute noch traurig.

 

Diese Zeit der Wende brachte aber auch viele neue Möglichkeiten: Presse- und Reisefreiheit, Öffentlichkeitsarbeit der Kirche, Projektarbeit. Der Nächstendienst erhielt einen immer besseren Rahmen und blühte in Diakonie-Vereinen und Initiativen auf: Kleinere und größere Sozialstationen, ein Pflegenest, mehrere Altenheime, betreute Werkstätten nahmen ihre Arbeit auf. Das Organisationstalent und die Durchhaltekraft vieler Frauen fließen in diese Arbeit ein.

 

Natürlich gab es nach dem „Dornröschenschlaf“ in der jahrzehntelangen Isolation auch einen gewissen geistigen Nachholbedarf. So manche Frau aus dem fortgeschrittenen Westen wollte uns Siebenbürgerinnen mit guten Ratschlägen und mit ihren Ansichten „modernisieren“. Aus dieser Zeit stammt das eingangs genannte Zitat: „Wir brauchen keinen Second-Hand-Feminismus!“ Bei den Pfarrfrauen-Treffen prüften wir nämlich sehr kritisch, was zu uns passt und was nicht, und suchten zu formulieren, was wir selbst wollen. Diese vernünftige Einstellung hatten vor hundert Jahren schon die Frauenvereins-Frauen geäußert: Wir übernehmen Ideen „mit Rücksicht auf Anwendung in unseren Verhältnissen“. (Im Jahresbericht von 1908.) Und ich denke, das ist ein roter Faden in der Geschichte unserer Frauenbewegungen: Ideen unkritisch zu übernehmen ist gefährlich. Prüfen und anpassen, das bringt Erfolg.

 

Nicht vergessen will ich die große Solidarität und Schwesterlichkeit, die wir gerade in der Zeit nach der Wende durch engagierte Frauen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und anderen Ländern erfahren haben. Sie halfen uns sogar im Inland Kontakte zu anderen Frauengruppen zu knüpfen, sie stärkten uns den Rücken, machten Mut, stellten Fragen und hörten zu, sie machten sich auf den Weg zu uns und luden uns zu sich und ihren Tagungen ein. Sie schenkten Kaffee (den wir dann den nächsten Besucherinnen aufwarten konnten) und sie schenkten neue Ideen und Anteilnahme und Freundschaft.

 

Die erste Frauenpublikation nach der Wende war „Die Brieftaube – Mitteilungsblatt der evangelischen Pfarrfrauen“, das alle zwei Monate für die „Vernetzung der Verwaisten“ sorgte, als die Vereinsamung besonders stark zu spüren war. Später wurde die breiter gefächerte Zeitung „Schreib und lies!“ herausgegeben und nun haben wir den vierteljährlichen „Rundbrief der Frauenarbeit“, der aus der Geschäftsstelle der Frauenarbeit kommt.

 

Frauenarbeit – warum nicht Frauenverein? Bei der ersten landeskirchlichen Frauenversammlung im Herbst 1994 (eingeladen waren Kuratorinnen, Presbyterinnen, Gemeindevertreterinnen und Pfarrfrauen) gab es ganz klare Äußerungen: „Wir wollen keinen beliebigen, selbstständigen Verein gründen, sondern ein Werk der Kirche sein.“ Geleitet von unserer sogenannten Initiativgruppe, gründeten wir im April 1995 dieses kirchliche Werk mit dem Namen „Frauenarbeit der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien“. Startkapital hatten wir auch, dank einer großen Spende aus der Hannoverschen Kirche, die in den Gottesdiensten der „Ökumenischen Dekade der Kirchen in Solidarität mit den Frauen“ gesammelt worden war. Inzwischen unterstützt die Landeskirche die Frauenarbeit mit der Finanzierung einer halben Stelle und auch projektbezogen, da die Frauenarbeit bewiesen hat, ein Anliegen der Gesamtgemeinde zu sein. Die bisherigen Vorsitzenden der Frauenarbeit sind Henriette Guib und Ilse Philippi gewesen, amtierende Vorsitzende ist Dr. Sunhild Galter.

 

Die Frauenarbeit steht sowohl in der Tradition des Allgemeinen evangelischen Frauenvereins als auch in derjenigen der Frauenbewegungen. Das heißt, zu den Anliegen der Frauenarbeit gehört es, sowohl als evangelische Frauen der Gemeinschaft zu dienen, als auch auf Geschlechtergerechtigkeit zu achten und Frauen zu voller Entfaltungsmöglichkeit zu helfen. Als Schwerpunkte sehe ich heute die Erwachsenenbildung und das Ermöglichen von Gemeinschaftserlebnissen an: Kreativität, Spiritualität, Themenarbeit – und das nicht nur rund um den Weltgebetstag. Auf die jetzigen Aktivitäten der Frauenarbeit kann hier aus Zeitgründen nicht eingegangen werden. In den evangelischen Gemeinden ist sie jedoch ein Begriff geworden und so manche Frau hat an den vielfältigen Veranstaltungen teilgenommen oder sie selbst organisiert.

 

2005 feierte die Frauenarbeit zu ihrem zehnjährigen Bestehen ein bewegendes Fest mit dem Motto „Wurzeln und Visionen“. Bei dieser Jubiläumsfeier gestalteten zwei Pfarrerinnen den Gottesdienst. Das ist auch eine Errungenschaft der neuen Möglichkeiten und des neuen Selbstverständnisses der Frauen. 1994 hat die Landeskirchenversammlung der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien (58. LKV) die Zulassung der Frauen zum ordinierten Amt beschlossen. In Hermannstadt fand 1999 die erste Ordination einer Frau in unserer Kirche statt, ordiniert wurde Birgit Hamrich für den Dienst in Bistritz und der Bistritzer Diaspora. Seitdem wurden noch sechs Theologinnen von Bischof Christoph Klein ordiniert. Ihr Dienst wurde und wird von den Gemeinden sehr geschätzt. (Zur Zeit stehen zwei Pfarrerinnen im Gemeindedienst.) Die Diskussion um die Frauenordination war nicht problemlos, sondern es gab und gibt einige zweifelnde Stimmen und erbitterte Gegenstimmen. Die Argumente gegen Frauen als Pfarrerinnen ähnelten zum Teil den Einwänden, die vor 100 Jahren die Gegner des Frauenwahlrechts vorgebracht hatten! Ein Déjá-vu!

 

V. Tatkräftige, kompetente Persönlichkeiten – Heute

 

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer! Ich bin nun beim Heute angekommen. Wir können auf den Schatz unserer Erfahrungen zurückgreifen, ja, auch auf den Schatz der Erfahrungen unserer Vorgängerinnen, denen wir viel verdanken. So gerüstet wollen wir unsere Lebenswelt gestalten. „Der Gegenwart alle Kräfte!“ Dazu ruft uns ja das Motto dieses Treffens ausdrücklich auf.

 

Nun will ich die Frauen nicht enttäuschen. Wenn ich das sage, dann deshalb, weil es mir im Vorfeld des heutigen Treffens so erging: Etliche Personen kamen auf mich zu und baten: Vergiss aber nicht, auch die Burghüterinnen und die Glöcknerinnen zu erwähnen, und die Kuratorinnen, und die Gottesdienstlektorinnen, die Ehrenamtlichen und Freiwilligen, die Diakonie-Helferinnen und das erfolgreiche Birker Frauenprojekt für Kräutersalz, und dass der Hermannstädter Frauenverein im Ersten Weltkrieg auch mit jüdischen Frauen zusammen Hilfsaktionen für Notleidende organisiert hat, und, und, und… Nun muss ich Sie doch enttäuschen – ich kann nicht alle aufzählen!

 

Trotzdem: Ehre wem Ehre gebührt. Es soll bei uns nicht so zugehen wie in einem Krabbenkorb: Sobald eine höher hinaufklettert, wird sie von den anderen hinuntergezogen, – weil bescheidene Frauen anscheinend immer noch beliebter sind als selbstbewusste. Und deshalb zähle ich heute beispielhaft einige zeitgenössische Mitbürgerinnen auf, die Herausragendes und Zukunftsweisendes leisten. (Kein „Top 10“, denn damit kann man sich leicht in die Nesseln setzen und nachher gibt es Reklamationen.) In vielen Bereichen der Gesellschaft sind leistungsstarke Frauen anzutreffen: Musikerinnen: Ursula Philippi, Christiane Neuberth, Edith Toth; Dozentinnen und Forscherinnen: Johanna Bottesch, Sunhild Galter, Renate Klein, Sigrid Haldenwang, Hannelore Baier, Carmen Elisabeth Puchianu; Kultur- und Soziales: Caroline Fernolend, Ortrun Rhein, Astrid Fodor; Presse und Kommunikation: Christel Ungar-Ţopescu, Rohtraut Wittstock, Beatrice Ungar; Kirche: Hildegard Servatius-Depner, Bettina Kenst, Gundel Einschenk, Anita Pavel, Ortrun Morgen, Rosemarie Müller (sie ist die einzige Frau im Landeskonsistorium).

 

Jetzt möchten Sie mir vielleicht noch weitere Namen zurufen. Recht haben Sie, denn es sind wirklich noch sehr, sehr viele, die es verdienten, genannt zu werden. Das übernimmt dann dankenswerter Weise die Tagespresse; da sind sie zu finden, die Frauen und Männer, die die Gemeinschaft gestalten. Und weil sie es tun, stimmt auch der letzte Teil vom Motto: „der Zukunft unsere Hoffnung“.

Zum Schluss, nachdem wir gesehen haben, wie vielfältig Frauen sich entfalten und unsere Lebenswelt gestalten, möchte ich Folgendes sagen: Es steht uns gut an, Frauen nicht nur ab und zu in den Mittelpunkt zu stellen. Frauen und Männer sind gleichberechtigte Gestaltende unseres Zusammenlebens. Diese Gleichwertigkeit muss sich täglich bewähren: Sie äußert sich in gegenseitigem Respekt.

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Gerhild Rudolf, M.A., Hermannstadt, geb. 1964 in Kronstadt. Mutter von vier Kindern.

Germanistin, Master in interkulturellen germanistischen Europäischen Studien.

Seit 2012 Leiterin des Kultur- und Begegnungszentrums Friedrich Teutsch der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien. Vorher Redakteurin der Monatsschrift der EKR („Kirchliche Blätter“).

Ehrenamtlich: Mitarbeiterin der Frauenarbeit, Koordinatorin des Ökumenischen Komitees für den Weltgebetstag in Rumänien (1996-2007). Mitglied in mehreren Vereinen.

 

Programm des 22. Sachsentreffens

 

Download des Programms des Sachsentreffens 2012 (pdf 375 kb)

 

Zeit Ort Programm
 

Ab 8.30 Uhr

 

Burgeingang

 

Verkauf von Abzeichen, Plakaten und Programmen

10 – 15 Uhr Hauptplatz Stände der Handarbeitskreise der Orts- und Zentrumsforen sowie der Kirchengemeinden und der Jugend
10 – 15 Uhr Schule Postkartenausstellung des Hermannstädter Philatelistenverbandes
10 – 11.30 Uhr Kirche Festgottesdienst

Grußwort des Ortspfarrers Ulf Ziegler

Ansprache des Bischofs Reinhart Guib

Predigt: Johann Zey aus Sächsisch-Regen

Orgel: Liv Müller

12 Uhr Kulturhaus Theater in Mundart „Urlew am Schwarzen Meer“
12.30 Uhr Kirche Konzert der Chöre aus dem In- und Ausland

Aus Deutschland: Chor Maxhütte, Jugendorchester Saalfeld, Chor des Bundes der Vertriebenen

Aus Siebenbürgen: Sälwerfäddem aus Hermannstadt und Schäßburg, Männeroktett Mediasch

14 Uhr Hauptplatz Trachtenumzug und Auftritt der Volkstanzgruppen
14.30 Uhr Kulturhaus Festveranstaltung

Grußworte

15.30 Uhr Kulturhaus Festrede von Gerhild Rudolf
16 Uhr Kulturhaus Verleihung der Honterus-Medaille an Ortrun Rhein

Laudatio: Ursula Philippi