2011 – 21. Sachsentreffen in Kronstadt

Das Sachsentreffen hielt was es versprach

Die „Burzenländer Hauptstadt“ erwies sich als hervorragender Gastgeber

 

Ein wunderschöner Septembertag war der Samstag für all jene, die sich entschlossen hatten aus dem Burzenland, aus den Städten und Gemeinden Siebenbürgens oder sogar aus Deutschland nach Kronstadt zu fahren, wo erstmals in der 21-jährigen Tradition der Sachsentreffen dieses in der Zinnenstadt ausgetragen wurde.

 

Die Schwarze Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt. Foto: Richard Sterner

Großes Gedränge auf dem Honterushof. Foto: Richard Sterner

Erster gemeinsamer Treffpunkt an diesem Herbsttag mit sommerlichem Wetter war der Honterushof der Schwarzen Kirche. Die Klänge der Burzenländer Blaskapelle, die blau-roten senkrechten Flaggen an der Kirche und dem gegenüberliegenden Honteruslyzeum kündigten den Feiertag den zahlreichen Teilnehmern an, die von nah und fern zur Schwarzen Kirche gekommen waren.

 

Viele Gäste in Festtracht

 

In der Kirche, wie  an diesem Tag auch auf den Straßen, am Marktplatz, im Festzelt fiel die große Zahl der in Festtracht Gekleideten auf. Es waren nicht nur die Mitglieder der Blaskapellen oder der Tanzgruppen, die in Tracht erschienen,  sondern auch die Mitglieder der Delegation der Regionalgruppe Burzenland der Heimatortsgemeinschaften aus Deutschland, viele Frauen und Männer, sowohl ältere als auch jüngere Jahrgänge, aus verschiedenen siebenbürgischen Ortschaften oder aus Deutschland kommend. Die siebenbürgisch-sächsische Tracht kam als Identitätssymbol voll zur Geltung – diesmal besonders aktuell, da ja das Motto des Treffens direkten Bezug zum Begriff Herkunft hatte.

 

Die Schwarze Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt. Foto: Richard Sterner

Die Schwarze Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt. Foto: Richard Sterner

Nachdem der Kronstädter Dechant und Stadtpfarrer Christian Plajer die zahlreichen Festgottesdienstbesucher begrüßte (für die auch zusätzliche Stuhlreihen bereitstanden), bezog sich Bischof Reinhart Guib in der Festpredigt aus theologischer Hinsicht auf die Frage nach Herkunft, Sinn und Zukunft insbesondere in Hinblick auf die so wechselvolle über acht Jahrhunderte alte Geschichte der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft.

 

Für die musikalische Begleitung des Gottesdienstes wurden zusätzlich zu den Kirchenliedern eine Orgelkomposition von Rudolf Lassel (an der Orgel: Eckart Schlandt) gewählt, sowie zwei der bekanntesten Lieder desselben Kronstädter Komponisten, beide in der Darbietung des Kronstädter Bachchores.

 

Vom Honterushof durch die Innere Altstadt

 

Am Kirchhof bildete sich anschließend der Festzug bestehend aus den Blaskapellen, den Tanzgruppen sowie den Teilnehmern die gern der Aufforderung folgten, sich nicht unbedingt nach ihrem Heimatort gruppiert aufzustellen. Die von der Burzenländer Blaskapelle angeführte Kolonne in der gut die neuen Wappenschilder der Burzenländer  Ortschaften zu erkennen waren, begab sich zum nahen Alten Marktplatz.

 

Unter Blasmusik-Klang fand da der Aufmarsch der Volkstanzgruppen statt, was sofort die allgemeine Aufmerksamkeit an dieser historischen Stätte der Kronstädter Inneren Stadt erregte. Für gut eine halbe Stunde zogen die Tanzensembles aus Hermannstadt/Sibiu („Brukenthal“), Bistritz/Bistriţa, („Regenbogen“) Schäßburg/Sighişoara (Tanzgruppe des Jugendforums), Neumarkt/Tg. Mureş („Sonnenschein“) aus Sächsisch-Reen/Reghin und Zeiden/Codlea sowie aus der Gastgeberstadt („Korona“) alle Blicke auf sich. Es wurde viel gefilmt und geknippst, leider manchmal auch von einem rücksichtslosen Vordrängen begleitet.

 

Genau um zwölf Uhr folgte der Höhepunkt dieser Festzug-Station: Nach dem Glockenschlag vom Rathausturm, den Kanonensalven von der Warthe und dem gewohnten Musiksignal der Turmbläser wurde gemeinsam „Siebenbürgen, Land des Segens“ gesungen – jenes Lied das oft als inoffizielle Hymne der Siebenbürger Sachsen bezeichnet wird und das nun wohl seit vielen Jahren nicht mehr an dieser Stelle in dieser Art und Weise erklang.

 

„Siebenbürgen, Land des Segens“

 

Leider war ein guter Teil des Marktplatzes mit einer großen Freiluftbühne und einer Zuschauertribüne besetzt, die am Vorabend für eine Pop-Rock-Show genutzt wurden und die nicht mehr, trotz anders lautenden Versicherungen, fristgerecht abgebaut und entfernt werden konnten. Das schöne Wetter, viel Publikum und spontaner Beifall der Passanten mögen wohl diesen Schönheitsfehler schnell vergessen gemacht haben.

 

Die Volkstanzgruppen zeigten ihr Können auf dem Alten Marktplatz. Foto: Richard Sterner

Die Volkstanzgruppen zeigten ihr Können auf dem Alten Marktplatz. Foto: Richard Sterner

Mit der Burzenländer Blaskapelle an der Spitze gefolgt von zwei Fahnenträgern (blau-rote Flagge und die Fahne mit dem Burzenländer Wappen) und dem Burzenländer Wappenschild  begab sich der Festzug über den Rossmarkt, die Beethovenzeile durchs Waisenhausgässer Tor und den oberen Teil der Waisenhausgasse zum Sportplatz des Sportlyzeums. Dabei spielten abwechselnd „Die Burzenländer Blaskapelle“ (Leiter: Vasile Glăvan), die „Gemischte Burzenländer Blaskapelle“ aus Deutschland unter der Führung von Klaus Knorr, das von Hans Groza geleitete Bläserensemble Karpaten-Show aus Bukarest und die Bistritzer Blaskapelle „Harmonie“ (Dirigent: Cornel Moldovan).

 

Am Sportplatz standen eine Hälfte des  großen Doppelfestzeltes, Bänke und Tische sowie die gesamte Logistik fürs leibliche Wohl des zahlreichen Publikums, der Ehrengäste und der Mitwirkenden. Dank der guten Zusammenarbeit mit dem Deutschen Wirtschaftsklub Kronstadt (DWK), einigen DWK-Mitgliedsfirmen sowie mit dem vom Kreisrat betriebenen Tourismusförderungsamt konnte nun diese Infrastruktur, die genau vor einer Woche fürs „Kleine Oktoberfest“ genutzt wurde, fürs Sachsentreffen zur Verfügung gestellt werden.

 

Ehrengäste aus Rumänien, Deutschland und Österreich

 

Von der Festbühne im Zelt  begrüßte der Vorsitzende des Siebenbürgenforums Dr. Paul Jürgen Porr herzlichst die Teilnehmenden und bat die Ehrengäste ans Mikrophon. Von deutscher Seite richteten Grußbotschaften aus: der Parlamentarische Staatsekretär im Bundesministerium der Finanzen, Hartmut Koschyk (auch im Auftrag von Bundeskanzlerin Angela Merkel), der Landtagspräsident Hessens, Norbert Kartmann und Botschafter Andreas von Mettenheim.

 

Die Kronstädter Lokalbehörden waren durch ihre Leiter vertreten: Es sprachen Kreispräfekt Ion Gonţea, Kreisratvorsitzender Aristotel Căncescu und Bürgermeister George Scripcaru. Seitens des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland übermittelten Grußworte der stellvertretende Bundesvorsitzende Rainer Lehni, der Vorsitzende des Verbandes der Heimatortsgemeinschaften (HOG), Michael Konnerth, und der Vorsitzende der Regionalgruppe Karl Heinz Brenndörfer.

 

Von österreichischer Seite kamen Grußworte, die der Gesandte an der österreichischen Botschaft in Bukarest, Dr. Jürgen Heissel, und der stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbandes der Siebenbürger Sachsen in Österreich, Manfred Schuller, ausrichteten. Der Verein für deutsche Kulturbeziehungen im Ausland wurde von Wilhelm Spielhaupter in der Liste der Gratulanten vertreten, während Dr. Klaus Fabritius, in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Regionalforums Altreich, die Grüße der anderen rumäniendeutschen Regionalforen ausrichtete.

 

In der Großstadt Kronstadt konnten die Sachsen an ihrem Treffen mit Stolz an ihre Geschichte erinnern und beweisen, dass ihnen Tradition und Kulturerbe viel bedeutet. Hoffentlich prägt das tatsächlich ihre, trotz verschiedener Staatsbürgerschaften, gemeinsame  Zukunft, so wie es im  Motto des Treffens hieß.

 

Von Ralf Sudrigian, erschienen am 22. September 2011 in der Karpatenrundschau

 

Für seine besonderen Verdienste geehrt

Dipl.-Ing. Erwin Hellmann mit Honterus-Medaille ausgezeichnet

 

Seit Jahren verleiht das Demokratische Forum der Deutschen in Siebenbürgen als Organisator der jährlich stattfindenden Sachsentreffen die Honterus-Medaille einer Person als Zeichen der Anerkennung für ihre besonderen Verdienste an der Gemeinschaft sowie in den Bereichen Kultur, Geschichte und Bildung.

 

Die Honterus-Medaille 2011 erhielt Erwin Hellmann (li.). Foto: Richard Sterner

Die Honterus-Medaille 2011 erhielt Erwin Hellmann (li.). Foto: Richard Sterner

Heuer beschloss der Vorstand des Siebenbürgen-Forums auf Vorschlag des Kronstädter Kreisforums, die Honterus-Medaille Dipl.-Ing. Erwin Hellmann zu verleihen. Es ist eine Anerkennung für seine langjährige Tätigkeit, die der Geehrte im Dienste und für die Gemeinschaft entfaltet hat. Seine diesbezüglichen Leistungen wurden ausführlich in der Laudatio von Wolfgang Wittstock, Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen im Kreis Kronstadt, präsentiert.

 

Erwin Hellmann wurde 1935 in Kronstadt geboren, hat die schulische Ausbildung wie auch seine Fachausbildung an der technischen Universität in seiner Geburtsstadt durchgeführt. Nach seinem beruflichen Leben hat er sich besonders für seine Mitmenschen, sowohl als Kurator des Kronstädter Kirchenbezirkes als auch der Honterusgemeinde, eingesetzt, war ein Vorreiter für die Gründung des Kronstädter Altenheimes Blumenau, hat sich bei der Restaurierung der Schwarzen Kirche und der Buchholzorgel bleibende Verdienste erworben, hat bei der Gründung des Kronstädter Forums nach der Wende mitgewirkt und als Mitglied dessen Vorstandes viel Initiative an den Tag gelegt.

 

Nach Präsentierung der Laudatio überreichte Dr. Paul Jürgen Porr, Vorsitzender des Siebenbürgen-Forums, die Honterus-Medaille und die diesbezügliche Urkunde an Dipl.-Ing. Erwin Hellmann unter Applaus der Teilnehmer an der Festversammlung im Saal der Kronstädter Redoute.

 

Dieser dankte für die erwiesene Ehre und betonte, dass alles, was er geleistet hat, auf seine im Elternhaus erhaltene Erziehung zurückzuführen ist, auf die Bildung in der Schulzeit, wobei er seine Lehrer Eugen Weiß und Victor Bickerich nannte, auf die berufliche Ausbildung an der Hochschule, auf die am Arbeitsplatz erzielte Erfahrung wo er, gerade in den sozialistischen Jahren, lernte, was Ausdauer bedeutet. Seinen Dank richtete er an seine Gattin Christa Hellmann, die ihm stets mit Geduld und Vertrauen beistand und dankte Gott für die ihm erteilte Kraft und Gesundheit.

 

Von Dieter Drotleff, erschienen am 24. September 2011 in der Karpatenrundschau

 

Birthälm im Streiflicht der Öffentlichkeit

Gemeinschaftsbriefmarke beim Sachsentreffen vorgestellt

 

Die Birthälmer Kirchenburg, eine der bekanntesten Wehrkirchen Siebenbürgens und jahrhundertelang ein für die siebenbürgisch-sächsische Identität wesentliches Symbol, machte vergangene Woche noch einen Schritt in Richtung des öffentlichen Bewusstseins, nachdem sie bereits seit 1993 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Anlässlich des Sachsentreffens wurde im Saal der Kronstädter „Rédoute“ die vom Bundesministerium der Finanzen gemeinsam mit der rumänischen Post (Romfilatelia) herausgegebene deutsch-rumänische Gemeinschaftsbriefmarke „Kirchenburg Birthälm“ vorgestellt.

 

Deutsch-Rumänische Gemeinschaftsbriefmarke

Die motivgleiche Ausgabe ist in der Sonderpostwertzeichen-Serie „Weltkulturerbe der UNESCO“ erschienen – unterschiedlich auf den Briefmarken der beiden Länder sind nur der Portowert (75 Cent bzw. 2,10 Lei) und die Landesbezeichnung Deutschland bzw. Germania. Für die grafische Ausführung der Marke signiert Răzvan Popescu.

 

Hartmut Koschyk, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen und Bundesvorsitzender des Vereins für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland (VDA) präsentierte die Gründe, die für die Wahl der Kirchenburg Birthälm als einziges Markenmotiv gesprochen hatten. Von 1572 bis 1867 war Birthälm Bischofssitz der Evangelischen Kirche in Siebenbürgen, die Kirchenburg aus dem 14./15. Jahrhundert nimmt somit für die deutsche Minderheit in Rumänien einen besonderen kirchengeschichtlichen Stellenwert ein. „Gemeinschaftsbriefmarken zweier Länder sind Ausdruck der Wertschätzung und manifestieren sich in einem Thema, das diese Länder verbindet“, betonte der Staatssekretär in seinem Redebeitrag.

 

Birthälm sei ein Symbol deutsch-rumänischer Geschichte, ein Ort der Erinnerung an ein tolerantes Mit- und Nebeneinander der westlichen und östlichen Kirchen und der Völker und Volksgruppen in Europa. In der Tat seien die guten Beziehungen Deutschlands und Rumäniens auch in konkreten Fakten ersichtlich: Deutschland ist vor Italien wichtigster Handelspartner Rumäniens, für deutsche Unternehmen ist Rumänien (bevorzugt Siebenbürgen) der wichtigste Standort in Südosteuropa, in Wissenschaft und Kultur sei der Austausch besonders rege, es bestünden zahlreiche schulische und akademische Partnerschaften.

 

Symbolträchtiges Motiv: Kirchenburg Birthälm

Symbolträchtiges Motiv: Kirchenburg Birthälm

Zusammen mit Cristina Popescu, Generaldirektorin von Romfilatelia, Andreas von Mettenheim, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Bukarest und Klaus Johannis, Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien, enthüllte der Staatssekretär die Vergrößerung der Gemeinschaftsmarke, die nunmehr die Kirchenburg Birthälm schmücken soll.

 

Paul-Jürgen Porr, der Vorsitzende des Siebenbürgenforums, betonte, dass das typisch sächsische Motiv „uns Siebenbürger Sachsen besonders ehrt.“ Botschafter von Mettenheim unterstrich, dass die Herausgabe der Marke auch die touristische Attraktivität Rumäniens steigern würde, wobei die Deutschen bereits der „Tourismuspartner Nummer eins von Rumänien“ seien. Klaus Johannis bedankte sich bei all denjenigen, die sich am gelungenen Projekt beteiligt hatten.

 

Im Anschluss überreichte Staatssekretär Koschyk Ersttagsalben der deutschen Ausgabe der Briefmarke an die Vertreter der Politik, der Diplomatie, der rumänischen Post und der Deutschen Post AG, an Repräsentanten der deutschen Minderheit in Rumänien und der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, sowie an hochrangige Persönlichkeiten aus Kirchenleben, Wissenschaft, Sozialarbeit und Kultur.

 

Von Christine Chiriac, erschienen am 22. September 2011 in der Karpatenrundschau

 

Ein Menschenleben im Zeichen gemeinnützigen Wirkens

Laudatio von Wolfgang Wittstock auf Dipl.-Ing. i. R. Erwin Hellmann anlässlich der Verleihung der Honterusmedaille

 

Geehrte Anwesende,

 

es gehört zur Tradition unserer Sachsentreffen, die seit dem Jahr 1991 jährlich stattfinden, in diesem Rahmen die Honterusmedaille jeweils an eine Persönlichkeit zu verleihen, die sich Verdienste um unsere siebenbürgisch-sächsische Gemeinschaft erworben hat. Und da das Sachsentreffen heuer zum ersten Mal im Burzenland stattfindet – im Zeichen des wichtigen Jubiläums „800 Jahre seit der ersten urkundlichen Erwähnung des Burzenlandes“ – lag es nahe, diesmal als Empfänger dieser Auszeichnung eine Person zu bestimmen, die waschechter Burzenländer ist und die hier im Burzenland ihr Wirken beispielgebend in den Dienst unserer Landsleute gestellt hat.

 

Wenn man sich nun diese Kriterien vor Augen hält, so gibt es meines Erachtens wohl niemanden unter uns, der es in höherem Maße verdienen würde, heute durch die Verleihung der Honterusmedaille geehrt und gewürdigt zu werden, als eben den, dem meine Laudatio gilt: Diplomingenieur im Ruhestand Erwin Hellmann. Einige Argumente, die diese Feststellung untermauern sollen, will ich im Folgenden anführen.

 

Herkunftsmäßig ist Erwin Hellmann, 1935 in Kronstadt geboren, tatsächlich waschechter Burzenländer. Seine Mutter war aus Marienburg gebürtig, sein Vater aus Tartlau. Soweit man den Hellmannschen Stammbaum zurückverfolgen kann, waren die Vorfahren der väterlichen Linie seit mehr als zwei Jahrhunderten immer Schmiede und Schlosser, so auch Erwin Hellmanns Vater, der in der Langgasse in Kronstadt eine Schlosserwerkstatt betrieb, in der Erwin Hellmann bereits als Kind den Umgang mit dem Schlosserwerkzeug erlernte.

 

Diese Erfahrung im Zeichen der Familientradition sollte sich entscheidend auf Berufswahl und berufliche Karriere von Erwin Hellmann auswirken. In den Jahren 1953-1958 studierte er am damaligen Polytechnischen Institut in Kronstadt, aus dem später die Transilvania-Universität wurde, allgemeinen Maschinenbau, worauf er als Diplomingenieur 34 Jahre lang, bis 1992, im Kronstädter Traktorenwerk in verantwortlicher Position (Leiter des Büros für die Arbeitsvorbereitung in einigen Abteilungen des Werkes) gearbeitet hat. In den letzten Jahren vor der 1997 erfolgten Pensionierung war Erwin Hellmann für eine deutsche Außenhandelsfirma, die Werkzeugmaschinen vermarktet, als Verkaufsingenieur tätig.

 

Bevor wir uns dem zentralen Thema unserer Laudatio, nämlich dem gemeinnützigen Wirken der Persönlichkeit, die heute die Honterusmedaille in Empfang nehmen wird, widmen wollen, sei noch vorausgeschickt, dass Erwin Hellmanns Familie von den schweren Schicksalsschlägen, die die Siebenbürger Sachsen in den Jahren nach dem 23. August 1944, in der Kriegs- und Nachkriegszeit ereilten, keineswegs verschont blieb.

 

Zu vermuten ist, dass gerade diese leidvollen Erfahrungen, die das kollektive Schicksal unserer Gemeinschaft Mitte des vorigen Jahrhunderts bestimmten, sehr oft aber auch bewundernswerte Bewährungsproben zwischenmenschlicher Solidarität zur Folge hatten, zumindest eine der Triebfedern für Erwin Hellmanns beispielhaften langjährigen ehrenamtlichen Einsatz zugunsten seiner Landsleute gewesen ist.

 

Erwähnt sei hier zunächst, dass Erwin Hellmanns Eltern, Mutter und Vater, im Januar 1945 ausgehoben und zum Arbeitsdienst in die Sowjetunion deportiert wurden. Die Kinder – der damals noch nicht zehnjährige Erwin und seine kleinere Schwester – wurden auf brutale Weise für dreieinhalb Jahre von ihren Eltern getrennt, die Großmutter mütterlicherseits nahm sie in ihre Obhut.

 

Im Jahr 1948 wurde der Schlossereibetrieb des Vaters nationalisiert, genauer gesagt: konfisziert, Vater Hellmann musste nun, nach der Rückkehr aus der Deportation, als Fabrikarbeiter den Lebensunterhalt seiner Familie verdienen.

 

In den 50er Jahren waren es dann Willkürmaßnahmen der kommunistischen Behörden, die vor allem die Kronstädter Sachsen zutiefst verunsichern sollten. So die Evakuierungen im Mai 1952 – Erwin Hellmann besuchte damals das deutschsprachige Lyzeum (Liceul Mixt German nr. 2) in dieser Stadt –, als rund 2000 Kronstädter und Burzenländer, nicht nur, aber vor allem Sachsen, Zwangsaufenthalt in entfernten Ortschaften auferlegt erhielten und ihre Wohnungen binnen drei Tagen räumen mussten.

 

Tiefen Eindruck hinterließen bei Erwin Hellmann auch die politischen Prozesse der endfünfziger Jahre, vor allem der sogenannte Schwarze-Kirche-Prozess, weil er als Student die Jugendstunden von Stadtpfarrer Konrad Möckel eifrig frequentierte und von dessen Vorträgen eigenem Bekenntnis zufolge in wesentlichem Maße geprägt wurde.

 

Dafür, dass sich Erwin Hellmanns ehrenamtliches gemeinnütziges Wirken vor allem im kirchlichen Rahmen entfaltete, gibt es mehrere Erklärungen. Erstens gehört die Ehrenamtlichkeit zu den guten Traditionen unserer Evangelischen Kirche A. B., die sich mit Fug und Recht als Volkskirche begriff und z. T. auch heute noch als solche begreift, und zweitens war die evangelische Kirche in der kommunistischen Zeit die einzige siebenbürgisch-sächsische Institution mit demokratischer Legitimität (d. h. die Leitungsstrukturen unserer evangelischen Kirchengemeinden, z. B. Gemeindevertretung und Presbyterium, wurden auch in der kommunistischen Zeit durch Wahlen ermittelt, denen man ihren demokratischen Charakter nicht absprechen kann).

 

Außer dem großen Vorbild Konrad Möckel hat auch die Atmosphäre im Haus seiner Schwiegereltern, das kirchlich geprägt war, sich in entscheidendem Maße auf das ehrenamtliche Wirken Erwin Hellmanns auswirken sollen. Im Jahr 1960 heiratete Hellmann die Krankenschwester Christa Graef, deren Vater Kurator auf Martinsberg, einem der drei Seelsorgebezirke der Honterusgemeinde, war. Erst durch die Heirat wurde Hellmann, bis dato der Evangelischen Kirchengemeinde A.B. Bartholomae angehörend, Mitglied der Honterusgemeinde, in deren Gemeindevertretung er 1971 und in deren Presbyterium er 1976 gewählt wurde.

 

Im Jahr 1986 wurde Hellmann Bezirkskirchenkurator, ein Amt, das er volle 20 Jahre verantwortungsbewusst ausgeübt hat, und in den Jahren 1993-2001 war er zugleich, in Personalunion, auch Kurator der Honterusgemeinde und damit höchster weltlicher Repräsentant dieser Kirchengemeinde.

 

Vergegenwärtigt man sich die vorhin erwähnten Jahreszahlen, so fällt auf, dass Erwin Hellmanns Wirken an entscheidender Position in unserer Bezirkskirchengemeinde in die besonders schwierigen letzten Jahre der Ceauşescu-Diktatur und in die keineswegs weniger problematischen ersten Nachwendejahre fällt, als die große Auswanderungswelle unsere siebenbürgisch-sächsische Gemeinschaft in ihren Grundfesten erschütterte.

 

Plötzlich sahen sich unsere Kirchengemeinden neuen Herausforderungen gegenübergestellt, wobei sich aber zugleich auch neue Möglichkeiten gemeinnützigen Wirkens eröffneten. Vor allem im Bereich der diakonischen Tätigkeit mussten neue Akzente gesetzt werden.

 

Die forcierte Auswanderung riss viele Familien auseinander, vor allem alte Leute, die auf Hilfe angewiesen waren, blieben zurück. Erwin Hellmann engagierte sich damals mit viel Schwung im neugegründeten Diakonischen Werk unserer Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien. Heute blickt er mit zwiespältigen Gefühlen auf jene Zeit zurück, denn nicht alle Hoffnungen gingen in Erfüllung.

 

In seine Amtszeit als Bezirkskirchenkurator fällt die Eröffnung des kirchlichen Altenheims in Schweischer bei Reps, das zwar der Landeskirche untersteht, dessen Einrichtung aber unter der Regie des Kronstädter Bezirkskonsistoriums geschah. Die festliche Einweihung fand im Januar 1991 in Anwesenheit des damaligen Bischofs D. Dr. Christoph Klein, des damaligen Kronstädter Dechanten Hans Orendi und weiterer Persönlichkeiten statt.

 

Viel Energie investierte der Bezirkskirchenkurator und Kurator der Honterusgemeinde sodann in das Projekt Altenheim Kronstadt. Man erinnert sich: Ursprünglich war davon die Rede, dass Kronstadt wie Temeswar und Hermannstadt ein über das deutsche Bundesinnenministerium finanziertes Altenheim erhalten soll.

 

Dieser Traum, um dessen Verwirklichung hart gerungen wurde, ging allerdings – aus welchen Gründen auch immer – nicht in Erfüllung. Doch die Kronstädter ließen nicht locker, und sie schafften es schließlich, in eigener Regie und mit der substantiellen Unterstützung von privaten Spendern und Freundeskreisen (vor allem aus Deutschland) im früheren Altfrauenheim der Evangelischen Stadtpfarrgemeinde A. B. (Honterusgemeinde), im Stadtviertel Blumenau gelegen, ein Altenheim einzurichten, das im September 2002 eröffnet und in den folgenden Jahren weiter ausgebaut wurde.

 

Heute ist das Altenheim Blumenau eine Institution, auf die wir Kronstädter und Burzenländer Sachsen berechtigterweise stolz sind. Und diesen Tatbestand verdanken wir in wesentlichem Maße dem persönlichen Einsatz Erwin Hellmanns, den es heute sicherlich mit Genugtuung erfüllt, dass sein Sohn Ortwin Hellmann nun nicht nur selbst Bezirkskirchenkurator ist, sondern auch den Verein Blumenau e.V., den Träger des Altenheims, ehrenamtlich in anerkennenswerter Weise leitet.

 

Es würde sicherlich zu weit führen, an dieser Stelle alle wichtigen Initiativen und Projekte, für deren Verwirklichung sich Erwin Hellmann als Bezirkskirchenkurator und Kurator der Honterusgemeinde mit Nachdruck eingesetzt hat, auch nur andeutungsweise aufzuzählen. Erwähnt sei bloß, dass in seine Amtszeit u. a. der Abschluss der Außenrenovierungsarbeiten an der Schwarzen Kirche (1999) und die ebenfalls sehr aufwendige Renovierung der großen Buchholz-Orgel in der gleichen Schwarzen Kirche, die im Jahr 2001 wiedergeweiht werden konnte, fallen.

 

Doch darf auch nicht vergessen werden – dies, um sein kirchliches Engagement angemessen zu würdigen –, dass Erwin Hellmann viele Jahre lang in Kirchengemeinden unseres Kirchenbezirks, denen durch Auswanderung die Pfarrer abhanden gekommen waren, als Predikant selbst Gottesdienste gestaltet hat und dies gelegentlich, wenn mal wieder Not am Mann ist, auch heute noch tut.

 

Wenn sich Erwin Hellmanns ehrenamtliches Engagement, wie bisher gezeigt, vorwiegend in kirchlichem Rahmen entfaltete, so muss trotzdem darauf hingewiesen werden, dass sein gemeinnütziges Wirken auch andere Bereiche, und dies ebenfalls mit beachtenswerten Ergebnissen, umfasst. Seine Artikel zu heimatkundlichen Themen, die gelegentlich in der „Karpatenrundschau“ erscheinen, haben dankbare Leser.

 

Ausdruck seiner starken Heimatverbundenheit und seiner tiefempfundenen Religiosität war auch sein mehr als zehnjähriges erfolgreiches Wirken (in den Jahren 1998-2009) als Leiter der Rumänien-Vertretung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. bzw. sein Einsatz für die Instandsetzung und Pflege aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg stammender deutscher Soldatengräber und Soldatenfriedhöfe auf dem Gebiet unseres Landes.

 

Nicht zuletzt hat aber auch unser Deutsches Forum allen Grund, Erwin Hellmann heute Dankbarkeit zu erweisen. Gleich nach der Wende von 1989, dem Sturz der Ceauşescu-Diktatur, hat er die Bemühungen zur Gründung des Deutschen Forums als Interessenvertretung der deutschen Minderheit tatkräftig unterstützt. Er war dabei, als am 8. Januar 1990 in der Aula der Honterusschule nach lebhafter Debatte ein 15-köpfiges provisorisches Leitungskomitee des Kreisrates Kronstadt des Demokratischen Forums der Rumäniendeutschen – so die damalige Titulatur – und dessen siebenköpfiges Exekutivbüro gewählt wurden, und er war prominentes Mitglied dieser Gremien, wurde auch im März 1990 bei unseren ersten Kreisforums-Vorstandswahlen in den Vorstand gewählt.

 

In späteren Jahren hat er sich ebenfalls immer wieder für Forumszwecke zur Verfügung gestellt. Dass unser Kreisforum heute gerichtlich anerkannter Rechtsnachfolger deutscher bzw. sächsischer Vereine und Organisationen ist, die nach dem 23. August 1944 verboten bzw. zwangsaufgelöst wurden – etwa des Siebenbürgisch-Sächsischen Landwirtschaftsvereins (für das Gebiet des Kreises Kronstadt) -, verdanken wir u.a. Erwin Hellmanns kompetenter Zeugenschaft vor den Gerichtsinstanzen, und sollte es unserem Kreisforum einmal gelingen, als Ergebnis dieser Bemühungen zur Restitution von Gemeinschaftseigentum den erstrebenswerten Zustand materieller Eigenständigkeit zu erlangen, so dürfen wir nicht vergessen, welch gewichtigen Beitrag Erwin Hellmann diesbezüglich geleistet hat.

 

Dankbar erinnere ich mich z. B. daran, dass Erwin Hellmann im vorigen Jahr genau an seinem 75. Geburtstag mehrere Stunden bei Gericht verbrachte, um für das Forum in den Zeugenstand zu treten. Das ist keineswegs selbstverständlich und zeugt von beispielhaftem Verantwortungsbewusstsein in Angelegenheiten des Gemeinnutzes. Dieses Verantwortungsbewusstsein, die starke Heimatverbundenheit, das feste Gottvertrauen haben Erwin Hellmanns Lebenswerk nachhaltig geprägt, und die Verleihung der Honterusmedaille ist angesichts seiner großen Verdienste nur das bescheidene Zeichen des Dankes, den unsere Gemeinschaft Erwin Hellmann schuldig ist.

 

Möge ihm die Zuerkennung dieser Auszeichnung Freude und Genugtuung bereiten, die über den heutigen Tag hinauswirken und ihm immer wieder noch viele Jahre in Gesundheit die Gewissheit geben werden, dass gute Taten unvergessen bleiben!

 

Schönen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

 

Festrede beim XXI. Sachsentreffen in Kronstadt am 17. September 2011

von Hansgeorg von Killyen

 

800 Jahre Deutscher Orden im Burzenland: Kaum ein anderes Thema stand in den letzten Monaten so häufig in den siebenbürgisch-sächsischen Medien und auch bei diversen Veranstaltungen im Zentrum des Bewusstseins wie dieses.

 

Die große Exkursion von Marienburg nach Marienburg, an der viele von den hier Anwesenden teilgenommen haben, die Tagungen des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde vor Ort, weitere Veranstaltungen z. B. in Potsdam, nächste Woche, das sind einige weitere Beispiele der Präsenz der Deutschordensritter im kollektiven Bewusstsein der Gegenwart.

 

Besonders die Frage, die der wohl beste Kenner dieser Thematik, der Mediävist Prof. Dr. Harald Zimmermann – vor nicht allzu langer Zeit erschien in zweiter Auflage sein Standardwerk „800 Jahre Deutscher Orden in Siebenbürgen“– sich stellt: „Ist dieses Jahr 2011 ein Jubeljahr?

 

Worüber soll man jubeln und was sind 14 Jahre Deutscher Ritterorden im Burzenland gegen 850 Jahre Siebenbürger Sachsen? Warum also feiern wir diese Ordensritter jetzt, wenn ihre Spuren kaum noch sichtbar sind und sie längst vergangenen Zeiten angehören?“ Dazu gesellt sich die relativ neue historische Erkenntnis, dass Kronstadt als Siedlung wahrscheinlich schon vor 1211 bestand und die Gründung der Stadt nur indirekt etwas mit dem Ritterorden zu tun hat.

 

Und dennoch. Wir können in der Geschichte immer wieder Zeiten von ganz kurzer Dauer finden, die für die Nachwelt von größter Bedeutung sind. Ein negatives Beispiel dazu: Die 12 (!) Jahre nationalsozialistischer Herrschaft in Deutschland von 1933 bis 1945 haben weltweit unendlich viel Kummer, Leid, Tod und Zerstörung hinterlassen. Ihre traumatischen Spuren werden noch sehr lange erkennbar bleiben.

 

Feiern wir also Feste, wie sie fallen, und gedenken wir dieser Ritter und ihrer Zeit vor 800 Jahren seit ihrer königlichen und päpstlichen Berufung und auch ihrer Vertreibung nach nur 14 Jahren aus dem Burzenland. Gedenken wir der wenigen Jahre um 1211, als der ungarische König Andreas II. und seine bayrische Ehegattin, Prinzessin Gertrud von Andechs, ihr nur vierjähriges Töchterlein Elisabeth (die spätere Heilige Elisabeth) schon im Kindesalter nach Thüringen schickten, wo sie später einmal den Sohn des dortigen Landgrafen heiraten sollte.

 

So war das damals beim Hochadel üblich. Allein dieses Ereignis ist von großer symbolischer Bedeutung, ging es hier doch um die Anbindung der Menschen Ostmitteleuropas, also auch Ungarns, an das Abendland – jetzt durch die Verlobung eines Arpadenkindes mit einem Mann aus höchstem und einflussreichem Adelshaus.

 

Auch in der weiteren Geschichte des Donau-Karpatenraumes bestand und besteht das konstante Bestreben, die Bindung an das Abendland zu bewahren und auszubauen. Hunderte Beispiele lassen sich finden, die den Impetus nach dem Westen untermauern.

 

Denken wir nur an die Siebenbürger Sachsen, deren Eigenständigkeit und Identität sich mehr als 800 Jahre lang auch durch ihre geistigen und wirtschaftlichen Bindungen an das Abendland erhalten haben. Oder denken wir an die rumänischen siebenbürgischen Intellektuellen, z. B. die Gelehrten der Școala ardeleană Petru Maior, Samuil Micu, Gheorghe Șincai und Ion Budai Deleanu bis hin zu den großen Philosophen rumänischer Wurzel des 20. Jahrhunderts Emil Cioran, Constatin Noica und Mircea Eliade, deren Wirken in Wien oder in Paris oder noch weiter in Amerika nicht zufällig war.

 

Was hat das alles mit dem Deutschen Orden im Burzenland zu tun, dessen erste Erwähnung vor genau 800 Jahren wir heute und hier feiern? Was wissen wir aus der nur 14 Jahre dauernden Präsenz dieses Ordens im südöstlichsten Eck Ungarns? Sind wir heute, im Jahre 2011, weiser und klüger als unsere historisch aktiven Vorfahren der letzten zwei Jahrhunderte, die in ihrer Erinnerungskultur die Ritter oft etwas mystisch verbrämt dargestellt haben? Was ist geblieben, was ist historisch belegbar, was sind Mutmaßungen? Ist das meiste nur Legende und nationaler Geschichtsmythos?

 

Ich möchte hier nicht auf die Ritter, die päpstliche Autorität und die Kreuzfahrer eingehen und auch nicht auf die Bemühungen des Deutschen Ordens, deren späterer Hauptauftrag es war, in Ostpreußen eine dominierende Position zu sichern – oft getarnt auch als Kampf gegen die Heiden. Ob die Ritter dort im fernen Ostpreußen die Beschützer einer Erobererkolonie waren oder Bollwerk des lateinischen Christentums?

 

Ich bin nicht befugt, auf all die Fragen über die Geschichte des Ordens auch nur annähernd Antworten zu finden. Was weiß man über diesen ordo teutonicus, auch Deutschherrenorden genannt, dessen ursprünglicher Name viel harmloser klingt, und zwar „Orden der Brüder vom Deutschen Haus Sankt Mariens in Jerusalem“?

 

Was wissen wir über das Leben der vielleicht zwölf oder mehr Reiter in weißen Mänteln mit dem großen, schwarz gezeichneten Kreuz am Rücken, mit Schwert und Lanze bewaffnet? Kamen sie allein oder hatten sie einen Tross Begleiter dabei, waren sie Mitglieder der oberen Klassen oder Ministerialien, eine Art privilegierte Mittelschicht?

 

Sicher waren sie Mönche, die nach strengen Ordensregeln, in Askese und mit abgelegtem Zölibatsgelübde ihr Dasein gestalteten. Konnten sie lesen und schreiben? Haben die im Burzenland stationierten Ritter etwas mit der Kulturrevolution jener Zeit, mit der Ausbreitung des Rittertums in Frankreich und in Deutschland und dem höfischen Leben, mit den bedeutsamen ersten Dichtungen, der Entwicklung der deutschen Kanzlei- und Literatursprache zu tun?

 

Wieso kam die ursprünglich karitative Ausrichtung des Kreuzfahrerordens, etwa mit der Errichtung von Hospitälern, im Burzenland nicht zum Tragen? Bekanntlich hatte der Ordensmeister, Hermann von Salza – er wurde 1209 in diesen höchsten Stand seiner Kreuzritter erhoben –, in Thüringen auf dem Fundament eines Hospitals die älteste Kommende und spätere Ballei – ein Verwaltungszentrum der Ritter – Thüringens errichtet. Danach entstanden Hunderte von Hospitälern und Niederlassungen der Ordensritter von Zypern und Sizilien bis Mitteleuropa.

 

War die Präsenz der Ritter im Burzenland die Generalprobe für ihr Wirken an der Ostsee? Was haben sie im Burzenland hinterlassen? Die mutmaßlichen fünf oder sieben Burgen, von der Marienburg, deren heutige Ruine auf der Flussterrasse des Altes später entstanden ist, bis zur Kreuzburg am Bodsauer Pass und der Schwarzburg am Zeidner Berg? Wie haben sie gewohnt, gelebt, gegessen und geliebt?

 

War es tatsächlich nur die Konkurrenz und die Furcht des Königs vor dem Sesshaftwerden der sicher bestens organisierten und militärisch geschulten Ritter? Waren es nur die Heerscharen Andreas II. und der bereits einige Jahrzehnte vorher dort angesiedelten Deutschen, die sie gewaltsam vertrieben haben?

 

Bleiben wir bei Bekanntem: Sicher ist inzwischen, dass sie [die Ordensritter] nicht die ersten deutschen Siedler in diesem als unwegsam (terra deserta et inhabitata) beschriebenen Gebiet waren. Die Prämonstratenser Klosterbrüder und -schwestern waren es, die schon 1203 das Kloster Corona unweit der heutigen Schwarzen Kirche gegründet hatten. Andere haben sich vermutlich am Martinsberg niedergelassen und weitere das Dorf Bartholomae gebaut. Auch die Toponymie, die Namensgebung von Orten und Flüssen des Burzenlandes geht – mit Ausnahme von Marienburg – nicht auf die Ritter zurück und ist älter. Tartlau wird in den königlichen Verleihungsurkunden erwähnt, und zwar im Zusammenhang mit dem Bach Tortillou – der Tartel, aus dem sich das Wort Tatrang, der Bach und das Dorf (Tatrang, ungarisch und sächsisch, rumänisch Târlungeni) ableitet.

 

Wenn auf den Diplomen, mit denen den Rittern das Land verliehen wurde, relativ genau abgesteckte Teile des ungarischen Königreiches verzeichnet sind, wie eben Tortillou oder Barassu (für Burzen) – Namen, die z. T. aus dem Kumanischen, Petschenegischen oder Slawischen stammen –, dann sollte vermerkt werden, dass sowohl die Prämonstratenser als auch die Ritter und die wahrscheinlich sie begleitenden Hospites nicht auf vollkommen unbewohntes Territorium trafen. Dass diese Ackerbauern, vielleicht sogar aus Mitteldeutschland, aus Thüringen, Hessen und Sachsen, nicht die ersten waren, die dieses Land besiedelten, ist heute mit Sicherheit anzunehmen.

 

Allerdings waren die Siedler, die mit den Rittern kamen, Deutsche, sie sprachen einen deutschen, vielleicht auch einen wallonischen Dialekt, und sie waren die ersten Ackerbauern des Burzenlandes. Was ebenfalls mit großer Plausibilität angenommen werden kann, ist die Christianisierung der hier und auch über den Karpaten bis an die Donau lebenden Kumanen, Petschenegen und Slawen durch die Ritter und ihre Mönche, denn das war eine Voraussetzung für deren Integration in die ungarischen und deutschen Gemeinden, in denen sie dann mit den Jahrzehnten aufgingen.

 

Nur 16 Jahre später kam der große Mongolensturm und vernichtete sehr viel. Erst am Ende dieser Feuerwalze konnten die Gemeinden des Burzenlandes, allen voran Petersberg, Honigberg, Marienburg und Tartlau, unter Obhut der Zisterzienser und später der Dominikaner wieder aufgebaut werden.

 

Für die von den Rittern 14 Jahre lang betreuten Hospites und ihre Nachkommen war dieses erste Viertel des 13. Jahrhunderts, also die Zeit um 1225, bis hin ins 19. Jahrhundert entscheidend. Die in der Verleihungsurkunde an den Deutschen Orden und später im Freibrief von 1224, im Andreanum, festgehaltenen Privilegien wurden zu den Grundrechten für das Leben der Siebenbürger Sachsen. Rechte wie freie Gerichtsbarkeit, eigene Verwaltung, freie Nutzung des Bodens, Abhaltung von Märkten, freie Wahl ihrer Geistlichen, das waren Privilegien, auf denen jahrhundertelang die Eigenständigkeit unserer Vorfahren fußte.

 

Was bislang an Tatsachen und plausiblen Darstellungen der mittelalterlichen Geschichte Kronstadts und des Burzenlandes zusammengetragen und publiziert wurde – zu nennen hier die letzte beeindruckende Publikation zum Thema, und zwar Harald Roths „Kleine Stadtgeschichte Kronstadts“ – hinterlässt für mich Laien einige wichtige Grunderkenntnisse:

 

- Kronstadt und das Burzenland waren, als der Deutsche Orden kam, kein unbesiedeltes Land, keine Terra deserta et inhabitata. Menschen unterschiedlicher Sprachen gab es schon, sicherlich nur dünn verteilt vor 1211, und die erste Erwähnung der Siedlung oder des Klosters Corona ist um einige Jahre älter als die Berufung der Ritter.

 

- Nach Kronstadt und in das Burzenland sind nicht nur einmal Deutsche zugewandert, immer wieder gab es im Zuge der Binnensiedlung einen Transfer von Menschen auch aus und in andere Teile Siebenbürgens.

 

- Der Deutsche Orden hat trotz der nur 14-jährigen Präsenz Wesentliches – wenn auch archäologisch kaum Sichtbares – hinterlassen: Die Bauern und Handwerker, die Hospites, die Flandrenses oder die Siedler aus Thüringen und Sachsen, sie haben Kronstadt und die sächsischen Dörfer erbaut und das Land urbar und fruchtbar gemacht. Sie und ihre Nachkommen waren die ersten und nachhaltigsten Kulturträger der Landschaft am inneren Karpatenbogen, und das bis in die Gegenwart hinein. Die wirtschaftliche Funktion der Stadt und des Burzenlandes als Zentrum des Ackerbaues und als Mittelpunkt von Handel und Gewerbe, also als Ort der Warenproduktion und des Warenaustausches, das hat das Leben in dieser Region seit der Zeit des Ritterordens wesentlich geprägt.

 

- An der Gestaltung und Werdung des Burzenlandes haben mit Sicherheit immer auch Menschen teilgenommen, obwohl urkundlich wenig belegt, die nicht der sächsischen Gemeinschaft angehörten, nennen wir als Beispiel nur die Bulgaren oder Vlachen aus der Oberen Vorstadt Kronstadts, dem Schei, die neben den zeitweise mehrheitlichen Deutschen dieses Stadtteils sichtbare Träger der rumänischen Kultur für das ganze spätere Rumänien waren.

 

- Kronstadt war und ist nicht nur ein Zentrum wirtschaftlicher und kommerzieller Potenz, sondern auch das Herz geistiger prägender Bewegungen gewesen. Schließlich ist 1542 die Reformation des Johannes Honterus nach Wittenberger Muster vom Burzenland ausgegangen. Kronstadt als Zentrum der Kultur, der Kunst, der Architektur des Donau-Karpatenraumes – das ist auch heute und jetzt mehr denn je sichtbar.

 

- Kronstadt war schon vom Anfang seiner Existenz Schulstadt, die erste Schule der Sachsen wird schon 1388 genannt, und drei Jahre davor erscheint in den Matrikeln der Universität Wien der erste aus Kronstadt stammende Student. Und im Zeitraum bis 1525 sind 213 Kronstädter und 145 Burzenländer in Wien als Studenten gemeldet. 1543 eröffnete Johannes Honterus seine Liberei (Bibliothek), die zeitweise größte des gesamten ungarischen Königreiches. Honterus selbst vermerkt in seinem Reformationsbüchlein Folgendes: „Auf dass kein Hilfsmittel zur Bewahrung der Religion fehle, haben wir eine öffentliche Bibliothek errichtet und mit allerlei guten Schriften… versehen.“ In Kronstadt erschienen schon kurz nach der Reformation wichtige Lehrbücher, so etwa die vor Kurzem im Nachdruck veröffentlichte und 1551 geschriebene Gesundheitslehre des Stadtarztes Paulus Kyr.

 

In der Druckerei des Honterus wurde auch der vom Diakon Coresi ins Rumänische übersetzte Kleine Katechismus veröffentlicht. Von hier aus gingen wertvolle Impulse aus, die die Entstehung der rumänischen Schriftsprache als Folge hatten. Nicht unerwähnt sollte auch die erste rumänische Schule aus dem Jahre 1512 an der Nikolauskirche der Oberen Vorstadt sein sowie auch die Eröffnung von ungarischsprachigen Schulen kurz nach der Reformation. Dass Kronstadt und die Ortschaften drum herum sich weiterhin als geistige und künstlerische Zentren entwickelt haben, bis hin zur Erhebung der Stadt zum Universitätszentrum, kann aus Zeitgründen hier nur erwähnt werden.

 

Was bleibt nun heute zu sagen, wenn wir die Vergangenheit dieser stolzen Stadt und der nicht minder stolzen Gemeinden des Burzenlandes in der Rückschau zu betrachten versuchen? Die Menschen aus Kronstadt und dem Burzenland waren und sind stets freiheitsliebend, sie konnten ihre Autonomie bewahren und die jahrhundertelangen Bedrohungen abwehren. Dies ließ ihre Landschaft wirtschaftlich zu einer der modellhaften Regionen Südosteuropas werden. Selbst Seuchen, Brandschatzungen und Überfälle, selbst die sowjetische und kommunistische Ära (man denke nur an die Jahre mit dem schrecklichen Namen Stalinstadt) haben dem Wesen und den Herzen seiner Bewohner nichts anhaben können. Auch die Wunden der zwei Diktaturen des 20. Jahrhunderts können heilen, auch wenn vom größten Aderlass des 20. Jahrhunderts, dem Exodus der Deutschen und auch der Juden und Armenier aus Kronstadt, tiefe Spuren sichtbar sind. Nicht vergessen sollten wir aber auch die Zeiten des politischen Irrsinns von 1939 an, als viele Landsleute den Hitlergruß für genehm hielten, aber auch die Jahre des Kommunismus. Wie viele unter uns haben sich aus Überlebensgründen angepasst? Andere sind z. T. lebenslänglich in die dunkelsten Kerker und die menschenunwürdigsten Straflager verbannt worden.

 

Und auch heute noch sind wir befangen und suchen oft krampfhaft nach Tätern und Opfern der Diktaturen, statt dieser Un-Kultur der Denunziation mit etwas Gelassenheit zu begegnen.

 

Vorbei ist hoffentlich die Zeit, in der kleinere und manchmal auch länger andauernde Konflikte zwischen den einzelnen Ethnien Siebenbürgens das Zusammenleben belastet haben. Ich glaube aber, dass bei den meisten Kronstädtern und Burzenländern gleich welcher Ethnie in den letzten Jahren ein historisches Erwachsenwerden stattgefunden hat.

 

Wenn bis auf eine kleine Zahl kaum Siebenbürger Sachsen mehr vor Ort sind, sollte dennoch ihr Wirken in den letzten zwei Jahrzehnten erwähnt werden.

Was sich in den 21 Jahren seit den Dezemberereignissen von 1989 alles im siebenbürgisch-sächsischen Umfeld ereignet und verändert hat, ist hier aus Zeitgründen nicht zu nennen. Exemplarisch nur einiges: das Altenheim Blumenau in der Bahnstraße, die Renovierung zahlreicher Kronstädter Häuser, nicht zuletzt der im Besitz der evangelischen Kirche befindlichen, wie z. B. das Blaue Haus am Marktplatz von Kronstadt. Dazu natürlich die Restitution von Gütern aller Art, die einmal in deutscher Hand waren – die leider noch lange nicht abgeschlossen ist. Und dann die zahlreichen Projekte in nahezu jedem Burzenländer Ort, die Kultur- und Kunstkreise, die Publikationen, die Rückkehr der Siebenbürger Sachsen in das öffentliche Leben durch ihre politischen, kulturellen und sozialen Institutionen. Die Ortsforen der Deutschen, die Kirchengemeinden, sie alle und viele mehr sind Zeugen einer veränderten Welt vor Ort, in der es manchmal gar nicht wichtig ist, ob die Sprache unter den Menschen Deutsch, Rumänisch oder Ungarisch ist.

 

Ein sehr aktuelles Beispiel dazu, der Jugendbachchor der Schwarzen Kirche unter der Leitung von Dr. Steffen Schlandt: In ihm singen vier Menschen, deren Muttersprache Deutsch ist, vier Ungarn und 18 Rumänen, und wer sie erlebt hat, vor einigen Wochen in Dinkelsbühl oder in Stuttgart, dem ist die integrative und verbindende Rolle der Kunst und Kultur heute im großen Rahmen des Vereinten Europas voll bewusst geworden. Und auch die Jahrzehnte laufenden erfolgreichen sozialen und kulturellen Werke der jetzt im Westen verankerten Burzenländer Heimatortsgemeinschaften und ihres Dachverbandes, deren Mitstreiter als Regionalgruppe Burzenland unermüdlich viel geleistet haben. Sie haben nicht nur rückwärtsblickende, nostalgische Ziele. Ihre Gemeinschaften mit ihren zahlreichen Kreisen, ihre Treffen, ihre Publikationen, sie haben sich entfaltet wie kaum jemals in der Vergangenheit.

 

Die Burzenländer hier vor Ort und ihre Präsenz im sozialen und politischen Leben der rumänischen Mehrheit sollen auch kurz erwähnt sein: Das Bemühen um die konkrete Akzeptanz der deutschen Kultur der Vergangenheit und Gegenwart im aktuellen Bürgerleben der Städte und Gemeinden, beginnend mit den dreisprachigen Ortsnamenschildern bis hin zu Publikationen über unsere siebenbürgisch-sächsische Geschichte, das sind Zeichen eines neuen ethnischen Verständnisses des Miteinanders und sollte nicht opportunistisch als äußere Anpassung an die Gegebenheiten der EU abgetan werden.

 

„Flügel dort, Wurzeln hier, Brücken über Zeit und Raum“, wie neulich ein hochrangiger Berliner Politiker unser Dasein beschrieb, das fordert selbstbewusste Rückbesinnung auf die Vergangenheit mit einem pragmatischen und zupackenden Blick nach vorne. Das ist mehr als eine rein akademische Beschäftigung auch mit dem Thema Deutscher Ritterorden vor 800 Jahren, das wir heute betrachten. Die bäuerlich, handwerklich und geistig intensiv wirkenden Menschen der Burzenländer Gemeinden und ihrer Krone, der Stadt unter der Zinne, diese Menschen waren keine genetischen und auch keine ideellen Nachkommen der Ritter. Streit und Kampf mit Schild und Schwert, das waren eher die Ausnahmen, ihre Eigenart zeigte sich vielmehr bei der Verteidigung an den Schießscharten und Pechnasen der Burgen. Fleiß und Beständigkeit, die jahrhundertealten demokratischen Strukturen ihrer Netzwerke bis hin zum Ausbau ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Institutionen, das ist geblieben und wird auch weiterhin bleiben.

 

Kronstadt und das Burzenland sind heute eine Region mit einem weiten Entwicklungsspektrum, eine Metropole mit höchsten wirtschaftlichen, kulturellen und touristischen Möglichkeiten, an deren weiterem Wachsen wir alle im Westen oder hier Lebenden großen Anteil und eine hohe emotionale Bindung haben. Jubeln sollten wir nicht in der Besinnung auf unsere Vergangenheit, vielleicht sollten wir eher dankbar sein für unsere Wurzeln und für unsere friedvolle Gegenwart.

 

Ich wünsche allen Kronstädtern, allen Burzenländern und allen Gästen des Sachsentages 2011, gleich welcher Zunge, Zeit, dass wir aus diesen Wurzeln, die uns geprägt haben, auch in Zukunft unsere Gemeinschaft im Kleinen und auch auf großer, europäischer Ebene weiterhin fruchtbringend gestalten mögen.