2010 – 20. Sachsentreffen in Bistritz

Emotionales Jubiläumstreffen in Bistritz 

1.200 Besucher beim 20. Sachsentreffen / Honterus-Medaille für Peter Pastior

Das erste Sachsentreffen in Nordsiebenbürgen war ein Fest des Wiedersehens und der großen Gefühle. Auf den Straßen, in der Kirche, im Festsaal – überall spielten sich ähnliche Szenen ab: Menschen, die sich teils jahrzehntelang nicht gesehen hatten, trafen sich wieder; die Forumsvertreter aus Bistritz (Bistriţa) zeigten sich beeindruckt über die große Aufmerksamkeit, die das Fest ihrer kleinen Gemeinschaft brachte, bewegende Worte rührten die Besucher beim Festakt. Die Festrede hielt der in Deutschland lebende Bistritzer Dr. Horst Goebel zum diesjährigen Motto „Bildung ist Zukunft“. Die Honterus-Medaille bekam der Vorsitzende des Sozialwerks der Siebenbürger Sachsen Peter Pastior, dessen Wirken der Minderheiten-Beauftragte der Bundesregierung Dr. Christoph Bergner würdigte.

 

Überfälliges Zeichen  

Parade der sächsischen Tanzgruppen.

Parade der sächsischen Tanzgruppen.

 

Es war überfällig, das dieses Mal drei Tage dauernde Sachsentreffen in Nordsiebenbürgen abzuhalten. „Die Sachsen aus dem Nösner Land sind ein wichtiges Element unserer Gemeinschaft. Wir wollten ein Zeichen setzen“, sagte Dr. Karl Scheerer, der stellvertretende Vorsitzende des Siebenbürgenforums, das das Jubiläumstreffen mitorganisierte. Die vor Ort lebenden Sachsen um die Forumsvorsitzenden Eckehardt Zaig und Thomas Hartig freuten sich aufrichtig über die Aufmerksamkeit an den drei Tagen.

 

Unterstützt wurden sie von der Heimatortsgemeinschaft Bistritz-Nösen (HOG), zwischen 500 und 600 ehemalige Bewohner aus Bistritz und dem Nösner Land waren auf ihr Werben in die Heimat gekommen. Etwa ebenso viele waren laut Veranstalter aus Siebenbürgen angereist. Insgesamt also etwas weniger Besucher als 2009, wozu die vergleichsweise weite Anfahrt und das verregnete Wetter beigetragen haben.

 

Sie alle füllten am Samstagmorgen die Stadtpfarrkirche auf dem Marktplatz (Piaţa Centrală). „Wir danken allen, die gekommen sind und in diesem Gottesdienst die Kirche bis auf den letzten Platz füllen.“ Es sei ein Bild der Freude, auf die wohl rund 1200 Menschen zu blicken, ein Anblick, den es nach Meinung einiger alter Bistritzer nur noch an Feiertagen kurz nach dem Krieg gegeben habe.

 

Ähnlich äußerte sich Bischof D. Dr. Christoph Klein in seiner Festpredigt. „Wir spüren den Geist der Gemeinschaft bei diesem Jubiläumstreffen in dieser renovierten Kirche.“ Das Orgelspiel von Noemi Domokos-Takács und der Gesang von Natali Spân umrahmten die festliche Veranstaltung.

 

Viele Auslandssachsen

 

„Das hier ist die Zukunft“, meinte ein Besucher am Randes des Festes. Er spielte dabei auf das Engagement der lokalen Behörden für den Wiederaufbau der evangelischen Kirche und die Hilfe bei der Organisation des Sachsentreffens an. „Ich bin heute auch ein Sachse!“, rief der Bistritzer Bürgermeister Teodor Creţu dem Publikum zu. Von den Sachsen habe man viele Schätze geerbt – den höchsten steinernen Turm Nordsiebenbürgens, die älteste Agrarfachschule, das mittelalterliche Stadtzentrum, für diese müssten und werden künftig die jetzigen Bewohner sorgen. Mit ähnlich warmen Worten bedachten auch der Vizepräsident der Abgeordnetenkammer Ion Oltean und Kulturstaatssekretär Vasile Timiş die anwesenden Sachsen.

 

Stark vertreten waren in diesem Jahr die im Ausland lebenden Sachsen, gekommen waren der gesamte Vorstand des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland um Dr. Bernd Fabritius,  der Bundesobmann der österreichischen Landsmannschaft Volker Petri, die HOG und mit ihnen vier Tanzgruppen sowie zwei Blaskapellen aus Augsburg, Landshut und Nürnberg sowie dem österreichischen Traun.

 

Ehrengäste beim 20. Sachsentreffen in Bistritz

Ehrengäste beim 20. Sachsentreffen in Bistritz (v.l.Helge Fleischer, Klaus Johannis, Thomas Gerlach, Thomas Hartig, Hans Franchy, Teodor Creţu, Bernd Fabritius, Wolfgang Freytag)

Das demokratische Forum der Deutschen in Rumänien vertraten der Landesvorsitzende Klaus Johannis, der Ehrenvorsitzende Prof. Paul Philippi, Martin Bottesch, der Abgeordnete Ovidiu Ganţ, Unterstaatssekretär Helge Fleischer. Künftige Unterstützung für die Belange der Siebenbürger Sachsen versprachen die deutschen Partner bei ihren Grußworten, vertreten durch den Deutschen Generalkonsul in Hermannstadt, Thomas Gerlach, und den Vertreter des bayerischen Sozialministeriums Dr. Wolfgang Freytag.

 

Der bis in den frühen Nachmittag andauernde Regen trübte ein wenig die Stimmung am Nachmittag. Kurz nach 14 Uhr zogen die knapp 400 Teilnehmer des Trachtenumzuges von der Stadtpfarrkirche los in Richtung Holzgasse (Str. Liviu Rebreanu), wo sie völlig durchnässt ankamen.  Unter dem Dach der hier aufgebauten Bühne zeigten neben den ausländischen Gruppen die acht Forumstanzgruppen ihr Können, darunter die Erwachsenen aus Sächsisch-Regen (Reghin) und Zeiden (Codlea), die Jugend- und Kindertanzgruppen aus Bistritz, Schäßburg (Sighişoara), Neumarkt (Târgu Mureş) und Sutschawa (Suceava) sowie die Gruppe „Zwei“ aus Bacău.

 

Vor der Bühne gab es 14 Stände an denen die Handarbeitskreise aus Bistritz, Hermannstadt (Sibiu), Kronstadt (Braşov) und Regen ihre Strick- und Häkelwaren anboten, die Kirchengemeinden Bistritz und Fogarasch (Făgăraş) präsentierten sich sowie die drei Hermannstädter Verlage Honterus, Hora und Schiller, die zeitweiligen ADZ-Kollegen Peter Knobloch und Markus Heide verteilten die Samstagsausgabe der Zeitung.

 

Im Festsaal des Gewerbevereins über die Bühne hielt der ausgewanderte Bistritzer Dr. Horst Goebel den Festvortrag, in dem er an die Bildungstradition der Siebenbürger Sachsen erinnerte. Daneben lenkte er die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf das von Sachsen gegründete evangelische Knabengymnasiums, heute das Gymnasium „Liviu Rebreanu“, das seinen 100 Geburtstag feierte, und die ehemalige Ackerbauschule, die in diesem Jahr 140 Jahre besteht.

 

Hilfe für Landsleute in der Heimat  

Die Blaskapelle "Harmonie" des Bistritzer Forums führte die Parade an.

Die Blaskapelle "Harmonie" des Bistritzer Forums führte die Parade an.

 

Anschließend wurde Peter Pastior für seine seit 1995 ausgeübte ehrenamtliche Tätigkeit als Vorsitzender des Sozialwerks der Siebenbürger Sachsen mit der Honterus-Medaille geehrt. In seiner Laudatio bezeichnete Christoph Bergner ihn als einen Menschen, der es als seine Aufgabe betrachtet, „sich um die vielfältigen sozialen Belange der oft alten und hilfsbedürftigen Menschen zu kümmern, die in ihrer Heimat Siebenbürgen geblieben sind“. „So haben Sie sich in besonderer Weise um die Errichtung von Alten- und Pflegeheimen bemüht“, sagte Bergner und sicherte gleichzeitig weitere Unterstützung der deutschen Regierung zu. „Ich gebe gern bei dieser Gelegenheit das Bekenntnis ab, dass es auch zukünftig bei der Beibehaltung dieser Hilfen insbesondere für die Altenheime, die für die Erlebnisgeneration der Deportation Heimat sind, bleiben soll.“ Der Geehrte selbst sagte, das die Medaille eine ganz besondere Auszeichnung sei, und er sie als eine Auszeichnung des Sozialwerks betrachte.

 

Zum Schluss des Nachmittages erhielten der Neubrandenburger Polizeidirektor Manfred Dachner und der HOG-Vorsitzende Hans Franchy die Ehrenbürgerschaft der Stadt Bistritz. Der Anblick des sichtlich bewegten Franchy stand sinnbildlich für das diesjährige Sachsentreffens, das eines mit weniger Zuschauern, aber wahrscheinlich mit mehr Emotionen als sonst wahr.

 

 

Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien, 21.9.2011, Holger Wermke