2009 – 19. Sachsentreffen in Birthälm

Treffpunkt Birthälm

Fröhliche Stimmung und nachdenkliche Worte beim 19. Sachsentreffen

 

Aus Sicht der Organisatoren war das 19. Sachsentreffen ein Erfolg. Mehr als 2.000 Besucher versammelten sich am Samstag bei strahlendem Sonnenschein in Birthälm (Biertan), um siebenbürgisch-sächsische Kultur zu erleben, Freunde zu treffen und sicher auch ein wenig in Nostalgie zu schwelgen.

 

Kindertanzgruppe des Schäßburger Forums.

Kindertanzgruppe des Schäßburger Forums.

Für ein angemessenes Rahmenprogramm sorgten mehrere Tanz- und Musikgruppen. Unter den zahlreichen Ehrengästen waren die hiesigen Repräsentanten von Kirche und der unterschiedlichen Foren sowie Vertreter der Siebenbürger Sachsen aus Deutschland und Österreich. Die Festrede hielt der Historiker Dr. Harald Roth, Friedrich Philippi bekam zum Abschluss des Festes die Honterus-Medaille überreicht.

 

Bereits am frühen Morgen herrschte auf dem Birthälmer Marktplatz reges Treiben. Rund um die Kirche auf dem Burgberg ebenfalls. Bis zum späten Nachmittag sorgten Trachtenträger, Blaskapellen und Tanzgruppen für heimelige Volksfestathmosphäre. Die Besucher drängten sich interessiert an den vielen Ständen. Die Damen der Handarbeitskreise aus Schäßburg (Sighişoara) oder Bistritz (Bistriţa) boten ihre traditionellen Stickereien und Strickwaren an, aus Probstdorf (Stejarişu) kamen hausgemachte Liköre und Marmeladen, die Hermannstädter Verlage boten siebenbürgische Literatur an. Neben allerlei anderem Kitsch drängten sich die Menschen später vor allem an den Mici- und Bierständen. Erstmals war auch die ADZ mit einem eigenen Stand vertreten, an dem Vizechefredakteur Ralph Steinbrück und Ifa-Medienwirt Peter Martin die druckfrische Samstagsausgabe verteilten.

 

Trachtenumzug mit rund 400 Teilnehmern   

 

Burzenländer Blaskapelle beim Platzkonzert in Birthälm.

Burzenländer Blaskapelle beim Platzkonzert in Birthälm.

Begonnen hatte der Tag um 10 Uhr mit einem Festgottesdienst in der ehemaligen Bischofskirche. „Wir versprechen uns von der Begegnung mit Gleichgesinnten eine Erleichterung von Sorgen“, meinte Bischof Dr. Christopf Klein in seiner Ansprache an die Gläubigen. Er spielte damit auf die latente Verunsicherung der hiesigen Siebenbürger Sachsen angesichts des Wandels der vergangenen 20 Jahre an. Diese Worte griff der frisch gekürte Bukarester Stadtpfarrer Daniel Zikeli in seiner eindrucksvollen Predigt auf. Dieser fragte die Gläubigen in der vollbesetzten Kirche nach dem Kern ihres ethnischen Selbstverständnisses. Er rief dazu auf, das Leben als solches zu schätzen und betonte die Bedeutung der Fähigkeit, Loslassen zu können. Die nachdenklichen Worte wurden musikalisch umrahmt vom Orgelspiel der Kantorin Liv Müller und dem Petersberger Chor.

 

Im Anschluss an den Gottesdienst begann das Kulturprogramm, gestaltet von 15 Gruppen aus allen Teilen Siebenbürgens. Gleich drei Blaskapellen spielten im Wechsel auf dem Marktplatz. Im Blickpunkt standen die 16 Bläser der Burzenländer Blaskapelle unter der Interimsleitung von Vasile Glavan, aber auch die Musiker der Blaskapelle Bistritz und der Blaskapelle Probstdorf unterhielten die Leute. Höhepunkt war der einstündige Trachtenumzug um 14 Uhr, an dem elf Gruppen aus neun Ortschaften teilnahmen. Die Gruppen kamen sowohl aus den Städten wie Sächsisch Regen (Reghin), Neumarkt (Târgu Mureş), Schäßburg oder Kronstadt (Braşov) als auch aus kleineren Ortschaften wie Zeiden (Codlea) und Malmkrog (Mălâncrav). Die etwa 400 Trachtenträger zeigten vor der historischen Kulisse der Bischofsburg die klassischen Tänze wie „Lauterbacher Walzer„, „Jungsächsisch“, „Sternpolka“ oder „Neppendorfer Landler“.

 

Honterus-Medaille für Friedrich Philippi

 

Dr. Harald Roth hielt die Festrede.

Dr. Harald Roth hielt die Festrede.

Gleich nebenan in der Schule konnten sich die Gäste des Festes über die Aktivitäten des Mihai-Eminescu-Trusts (MET) informieren. Caroline Fernolend, Rumänien-Direktorin des MET, zeigte sich bei der Eröffnung sehr dankbar, dass sie „einen Bruchteil der Arbeit des MET“ zeigen durfte. Bei dieser Gelegenheit stellte sie die deutsche Übersetzung der Broschüre „Siebenbürgen. Erbe und Zukunft“ vor, die über die zehnjährige Arbeit des Trusts informiert. Außerdem präsentierten Dr. Harald Roth und Timo Hagen den gerade erschienenen Kunstführer Deutsch-Weißkirch. Im nahegelegenen Kulturhaus fand zur gleichen Zeit das Mundarttheater „Vorsicht, Sackgasse!“ der Theatergruppe Wiehl-Bielstein statt.

 

Abgeschlossen wurde das diesjährige Sachsentreffen mit der traditionellen Festrede und der Verleihung der Honterus-Medaille. Festredner Dr. Harald Roth, Mitarbeiter am Deutschen Kulturforum östliches Europa in Potsdam, rekapitulierte die Höhepunkte der siebenbürgisch-sächsischen Vergangenheit. Kritisch wies er – unter Bezug auf das Motto des Tages „Selbstbewusstsein im Wandel“ – auf die teilweise selbstherrliche Selbsteinschätzung mancher Sachsen in der Vergangenheit hin. Mit Blick auf die aktuelle Situation sieht Roth neben dem heutigen Verfall vielfältigen Aufbau, der allerdings zu einem deutlichen Wandel der sächsischen Identität führen werde.

 

Die Honterus-Medaille erhielt in diesem Jahr Friedrich Philippi.

Die Honterus-Medaille erhielt in diesem Jahr Friedrich Philippi.

Zum Abschluss wurde der Hermannstädter Lehrer Friedrich Philippi für seine langjährige ehrenamtliche Arbeit an der Spitze der Schulkommission des Landesforums geehrt. Er bedankte sich auf ganz spezielle Art, und brachte mit einer unterhaltsamen Fotoschau siebenbürgisch-sächsischer Haussprüche zum Schmunzeln, Nachdenken und Lachen. Mit den Worten, dass „diese Sprüche der Spiegel unseres Volkscharakters seien“, verabschiedete er die Gäste am Ende eines langen Tages.

 

Zwischen Selbstbehauptung und Wandel

 

„Selbstbewusstsein im Wandel“ war das Leitthema des diesjährigen Sachsentreffens. Egal ob in den Predigten des Festgottesdienstes, in den anschließenden Grußworten der Ehrengäste oder in der Festrede. Einige Redner setzten sich mit dem Motto, mit dem ureigenen Selbstverständnis der Siebenbürger Sachsen, kritisch auseinander. Was noch vor wenigen Jahren nicht selbstverständlich war, wird spätestens seit der Rede von Dr. Karl Scherer beim Treffen im vergangenen Jahr von immer mehr offiziellen Vertretern sächsischer Institutionen und Organisationen angesprochen: Die Notwendigkeit zum Wandel. Für Dr. Bernd Fabritius, Vorsitzender der Weltweiten Förderation der Siebenbürger Sachsen, ist das Sachsentum eine Gemeinschaftsfrage, die über den geografischen Horizont hinaus geht. Angesichts der in aller Welt lebenden Siebenbürger Sachsen ist das Bewusstsein der eigenen Identität das verbindende Element.

 

Einen Schritt weiter ging Festredner Dr. Harald Roth und formulierte in aller Deutlichkeit, dass die derzeitige Entwicklung zum deutlichen Wandel der sächsischen Identität führen werde. Dieser Wandel sorgt laut Bischof Dr. Klein bereits heute viele Sachsen. Man müsse sich jedoch mit ihm auseinandersetzen.

 

Den Kern des ethnischen Selbstbewusstseins hinterfragte der Bukarester Stadtpfarrer Daniel Zikeli. Er betonte, dass das Loslassen eine stärkere Bedeutung bekommen müsse. Den Zusammenhalt unter allen Rumäniendeutschen unabhängig von Gruppenzuhörigkeiten beschwörte der Abgeordnete des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien Ovidiu Ganţ.

 

Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien, 22.9.2009, Holger Wermke