2006 – 16. Sachsentreffen in Birthälm

In Vergangenheit und Zukunft

Wir in Europa und das sechzehnte Sachsentreffen in Birthälm

 

Wieder war die imposante Kirchenburg in Birthälm (Biertan) von Großraum- und Kleinbussen sowie unzähligen Pkws umzingelt. Dem Fahrzeug kaum entstiegen, traf man Bekannte. Von einigen hatte man sich am Vortag verabschiedet, andere seit Monaten, Jahren oder Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Sachsentreffen in Birthälm. Da fährt man hin.

 

War es in den ersten Jahren ein Fest des Zusammenrückens, der Bestandsaufnahme, des Begreifens der neuen Situation (nach der Massenauswanderung und der politischen Wende) und des Nachdenkens über die Zukunft, ist das Treffen mehr und mehr zu einer Image-Sache, zu einer Touristen- und Nostalgiker-Attraktion und zu einem Medien-Spektakel geworden, an dem die Beteiligung der Siebenbürger Sachsen abnimmt. Das könnte sich nun ändern, wenn das Sachsentreffen ab kommendem Jahr nicht mehr in Birthälm, sondern jeweils in einem anderen Ort organisiert wird. Im nächsten Jahr findet es in der europäischen Kulturhauptstadt Hermannstadt (Sibiu) statt.

 

„Wir in Europa“ hat das Motto des diesjährigen Treffens gelautet. Ein schönes und dankbares Motto, bestens geeignet um daran in Grußworten, Predigt und Festvortrag anzuknüpfen. Ein Thema, zu dem die Siebenbürger Sachsen viele Fragen im Gepäck haben, wie zum Beispiel jene, ob die alten Formen ausgedient haben und die deutschsprachigen Gemeinschaften in Rumänien neue Möglichkeiten für sich finden werden, wie Ortspfarrer Ulf Ziegler in seiner Begrüßung sagte.

 

Das Motto bot die Möglichkeit, die über 850-jährige Vergangenheit der Sachsen und ihren Beitrag in und für Europa und Siebenbürgen anzusprechen, wie dies Bischofsvikar Dr. Hans Klein in seinem Grußwort tat und sodann der Festredner Prof. Dr. Thomas Nägler (die beiden Ansprachen, sowie die Laudatio drucken wir in einer nächsten Ausgabe in voller Länge ab). Das Thema bot Gelegenheit, um über Gegenwart und Zukunft der Rumäniendeutschen in Siebenbürgen und in Europa nachzudenken und zu sprechen. Die Kronstädter Pfarrerin Dr. Marion Werner, die die Predigt im Festgottesdienst hielt, wünschte, die kleine Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen möge weiterhin aufgrund der Leistung ihrer Mitglieder wirksam sein und „das Salz in der Suppe Europas“ darstellen.

 

Dr. Paul-Jürgen Porr, der Vorsitzende des Siebenbürgenforums, erwähnte das Engagement und die Lobby für die EU-Integration des DFDR-Vorsitzenden Klaus Johannis und des DFDR-Abgeordneten Ovidiu Gan]. Letztgenannter, bekanntlich auch Beobachter im Europäischen Parlament, sagte, dass der immer weniger anzuzweifelnde EU-Beitritt Rumäniens auch der Augenblick sei um festzustellen, wie nahe sich die hiesigen und die in anderen Staaten lebenden Deutschen sind. Die Bedeutung und die Chancen, welche die EU-Integration den in Rumänien lebenden deutschsprachigen Gemeinschaften bietet, und deren Brückenfunktion zum deutschsprachigen Raum erwähnten in ihren Grußworten Dr. Zeno-Karl Pinter, Unterstaatssekretär im Departement für interethnische Beziehungen, Dr. Christian Zeileissen, der Botschafter Österreichs in Bukarest, Thomas Gerlach, Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland in Hermannstadt, Mag. Volker Petri, der Vorsitzende der Landmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Österreich und Dr. Bernd Fabritius, der stellvertretende Bundesvorsitzende der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland. Die Grüße der anderen vier Regionalforen überbrachte Dr. Klaus Fabritius und Florian Raţiu, der Bürgermeister von Birthälm, jene der Dorfbewohner.

 

Zukunftsorientiert waren die meisten Grußworte, einen Rückblick bot der Festredner Dr. Thomas Nägler. In seinem Vortrag stellte der Historiker das Wesentliche über die Siebenbürger Sachsen in Europa vor. Für seine wissenschaftlichen Forschungen zur Frühgeschichte der Sachsen sowie sein Engagement während und nach der Gründung des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien und seine zweijährige Amtszeit (1990-1992) als dessen erster Landesvorsitzender überreichte Dr. Paul-Jürgen Porr ihm die vom Siebenbürgenforum vergebene Honterus-Medaille. Die Laudatio hielt der Historiker Doz. Dr. Zeno-Karl Pinter, sein Nachfolger an der Uni, der seinem Mentor aber auch in die Politik folgte.

 

Grenzen überschritten

 

Das Motto des diesjährigen Sachsentreffens beschreibe den Zustand der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft in Europa, hatte Dr. Bernd Fabritius in seinem Grußwort gesagt. Von denselben Werten geprägt, werde man ab 2007 innerhalb derselben Staatenunion leben, weshalb er anregte, sich als Gemeinschaft über die Grenzen hinweg zu betrachten.

 

Kulturen-, Landes- und Landesteilgrenzen hatten die künstlerisch am Fest Mitwirkenden bereits überschritten. Die Orgel spielte im Gottesdienst Johann Untch aus Zeiden (Codlea) und der dortige Kirchenchor hat mehrere Lieder gesungen. Zu den neun Volkstanzgruppen aus Siebenbürgen – sie kamen aus Hermannstadt, Bistritz (Bistriţa), Heltau (Cisnădie), Schäßburg (Sighişoara), Sächsisch-Regen (Reghin), Neumarkt (Tg. Mureş), Zeiden und „Korona“ sowie des Jugendforums aus Kronstadt (Braşov) -, deren Mitglieder Deutsch, Rumänisch und Ungarisch sprachen, hatte sich jene aus Traun in Österreich gesellt.

 

Die Blaskapelle aus Traun und jene aus Bistritz spielten im Gemeindezentrum zum Trachtenaufmarsch auf und boten nach den Auftritten der Tanzgruppen auch allen anderen Festteilnehmern die Möglichkeit, das Tanzbein zu schwingen. Im Festzelt unter der zweiten Ringmauer trug die kleine Blaskapelle aus Probstdorf (Stejărişu) zur Volksfeststimmung der „mititei“-verzehrenden und verschiedene Säfte trinkenden Teilnehmer bei. Während im Kulturheimsaal der Chor aus Piatra Neamţ nach dem Ende der Honterus-Medaille-Preisverleihung Lieder aus dem deutschen Volksgut zu Gehör brachte, zeigten in der Kirche Kinder und Jugendliche aus Schäßburg und Fogarasch (Făgăraş) unter der Leitung von Christiane Neubert und Theo Halmen das Musical „Jonathan“.

 

Ein vielfältiges Angebot also für jeden Geschmack. Zu dem Bücher-Verkaufsstände Hermannstädter Verlage und Buchhandlungen sowie Stände von Handarbeitskreisen und/oder verschiedene Andenken-Anbieter und Info-Tische hinzukamen. Zeit für Langeweile hatte man wahrlich nicht, schon weil man dauernd Bekannte von nah und fern begrüßte und kurz oder länger tratschte. Denn zahlreiche Rumänien und Siebenbürgen Besuchende waren beim Sachsentreffen dabei. Wir in Europa und Europa bei uns.

 

Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien, 25.9.2006, Hannelore Baier